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03.12.2009

Erinnerungen der "Roten Hilde"

Dießen (smi) - Als "Hünenmädchen Hilde" (Oskar Maria Graf) und "Rote Hilde" war sie in den Revolutionszeiten von 1918 und 1919 in München bekannt. Hilde Kramer muss eine imposante Erscheinung gewesen sein: fast zwei Meter groß, mit Kurzhaarfrisur und frei im Denken. Ein Denken, dessen Keim in Riederau, im Landheim der Familie Kaetzle, gelegt worden war. Hilde verbrachte dort "die vier glücklichsten Jahre". Die Generalstochter Gabriele Freifrau von Goltz hatte sich dem Sozialismus zugewandt, hatte ihren Hauslehrer Gustav Kaetzler geheiratet und war 1908 mit sechs eigenen Kindern nach Riederau gekommen. 1911 stieß die elfjährige Waise Hilde hinzu. Die Geschichte der "Roten Frauen von Riederau" - dazu zählten auch die Kaetzler-Töchter Luise und Fite - haben die Journalisten Thies Marsen und Egon Günther bereits in einer Hörspielcollage lebendig gemacht. Eine Collage, die sich vor allem aus Polizeiprotokollen speiste, als Gabriele Kaetzler und Hilde Kramer nach der Zerschlagung der Räterepublik in München als "Spartacisten" verhört wurden. Hildes Großnichte Gertrud Ziemen stellte den beiden Dießener Publizisten nun das unvollendete Manuskript einer Autobiografie zur Verfügung.

Wissen als etwas Schönes

Daraus las nun Marsen, und Günther erläuterte den Werdegang von Hilde Kramer. In ihren Erzählungen beschreibt sie ein Familien- und Landleben bei den Kaetzlers, welches von hohem Idealismus sowie liebevollem und respektvollem Umgang auch gegenüber den Kindern geprägt ist. Hilde erläutert, wie die Kinder zum Denken angehalten werden, ihre eigene Meinung begründen müssen, Verantwortung für die Jüngeren zu übernehmen haben und sich aus der Bildung und Belesenheit der Eltern Kaetzler, die auch von den Ziehkindern "Mut" und "Papa" genannt werden, ein ungeheurer Wissensdurst bei den Mädchen und Buben entwickelt. Papa habe zwölf Sprachen gesprochen, "die 13te lernte er gerade, Türkisch". Ein typischer Satz von Mut Kaetzler sei gewesen "überleg Dir doch...". Wissen sei nie etwas Aufgezwungenes gewesen, sondern immer etwas Schönes. Da die Kaetzlers beide Lehrer sind, müssen die Kinder nicht in die Schule, einmal im Jahr gibt es eine Prüfung "an der Nonnenschule in Dießen." Hilde Kramer erzählt von den Kanufahrten auf dem geliebten Ammersee, von Waldausflügen, der Natur mit Blumenwiesen und von Wintern, in denen Ski das normale Fortbewegungsmittel sind. Die Kriegszeit wirkt sich auch auf die Versorgungslage im Landheim aus. Hühner und Ziegen werden angeschafft, Hilde wird zur Ziegenhirtin und genießt es.

Abschied von Riederau

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Ein Brief an ihren Schwager an der Front, den Hilde im Geiste des Kaetzlerschen Pazifismus schreibt, bringt ihr den leidvollen Abschied von Riederau: Ihre Familie steckt sie in ein Internat in Thüringen. Nach der Schule in Steno und Schreibmaschine ausgebildet, arbeitet sie 19-jährig unter anderem in der kommunistischen Stadtkommandantur in München - in dieser Umgebung wird sie von Graf in "Wir sind Gefangene" beschrieben.

Verhaftung und Untersuchungshaft in Stadelheim zählen zu den Stationen 1919, 1920 fährt sie zum Weltkongress der kommunistischen Internationalen nach Moskau - und schreibt selbstkritisch in den Memoiren, dass sie manches später wohl anders betrachtet hätte, als damals als junge Kommunistin. 1924 heiratet sie in Moskau den Iren Edward Fitzgerald, 1937 emigriert Hilde Kramer nach England.

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