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19.03.2009

Fleischeslust und Fleischesfrust

Stegen Die neue Ausstellung der Kunsthalle Ammersee, die am kommenden Sonntag eröffnet wird, steht unter dem Motto "Eine Begegnung der vierten Art".

Es ist die Begegnung zweier grandioser Maler, deren Bilder unter die Haut gehen. Der 1937 geborene Johannes Grützke gehört zu den renommiertesten deutschen Künstlern. Lange galt er als Exot, malte er doch seit den 60er Jahren, als die figurative Kunst überhaupt nicht gefragt war, nahezu ausschließlich menschliche Figuren oder Körperteile.

Als kritischer Beobachter fixiert er malend und zeichnend den Menschen, sein Bildnis, seine Nacktheit. Das Interesse an der Physiognomie lässt ihn Körper erschaffen, die in ihren extremen Unter- oder Aufsichten die Leinwände zu sprengen scheinen. In der aktuellen Ausstellung sind nun vor allem Pastelle zu sehen, eine Technik, die er wie kaum ein anderer seiner Zeit beherrscht.

Dramatische Ansichten und eindringliche Porträts

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Noch in altmeisterlicher Manier ist der männliche Akt "Der schwarze Unterrock" von 1974 gezeichnet. In den 80er Jahren wird sein Zeichenstrich expressiver, und die gestisch sicher gesetzten Striche der Pastellkreiden modellieren virtuos Gesichter und Körper. Die eng in das Format gefügten Gestalten und die dramatischen Ansichten verraten den Meister genauso wie die eindringlichen Porträts. Das Bildnis "Peter Zadeks Menschentheater" zeigt einen energischen, fest zupackenden Menschen, der als Regisseur das deutsche Theater aufmischte wie kaum ein anderer. Die Selbstbildnisse des kritisch aus dem Bild schauenden Malers schreiben die Geschichte des Künstlerselbstporträts weiter. Das einzige Ölbild, das von Grützke in der Ausstellung zu sehen ist, zeigt noch einmal mehr den Meister. Die nass in nass gesetzten Pinselstriche lassen ein eindringliches Bildnis des Künstlers aus dem Jahr 2008 entstehen.

Kunstgeschichte werden auch die Bilder von Yonbo Zhao schreiben. Denn er ist nicht nur ein Maler, der sein Handwerk von Grund auf versteht, sondern er ist auch ein äußerst kritischer Beobachter, der sich in aller Heftigkeit zu den Problemen unserer Welt äußert. Im Jahr 1964 in der Mandschurei geboren, studierte er an der pädagogischen Universität Nordost-China in Changchun in der Provinz Jilin. Im Alter von 22 Jahren arbeitete er bereits als Dozent an derselben Uni. Sein großes malerisches Talent war gefragt, doch weniger gefragt, ja gefährlich, waren seine kritischen Bildinhalte. Er wollte seine künstlerische Freiheit und ging 1991 nach München, wo er zunächst völlig unbekannt war. Er fing bei Null an und studierte an der Münchner Akademie bei Robin Page, wo er vor zehn Jahren seinen Abschluss als Meisterschüler machte. Es folgte eine steile Karriere. Seine unglaublich virtuose Malerei erregt Aufsehen, denn kaum ein Maler versteht sein Handwerk derart wie Yonbo Zhao. Er beschäftigt sich intensiv mit den großen Meistern der europäischen Malerei, allen voran mit Rubens, Rembrandt, Delacroix, Goya und Kubin.

Unglaubliche Präsenz der Gestalten

Die unglaubliche Präsenz seiner Gestalten, die virtuose Stofflichkeit seiner Malerei, die fühlbaren Körper offenbaren Rubens als seinen Lehrmeister. Doch seine ironisch-kritischen Sujets erinnern eher an Goya und vor allem an Kubin. Da ist zum Beispiel die jugendlich schöne Mutter Erde, an der die Industrienationen nagen, dargestellt als wüste Vampirgestalten mit riesenhaften dornenbewehrten Fledermausflügeln.

Allen voran die USA, die mit dickem wabbligen Maul an ihrer Brust saugt. In vielen Bildern ist der Künstler selbst zu entdecken, auch das ein barockes Spiel, sei es als angreifendes Monster oder als Opfer. Wie kaum ein Maler setzt sich Zhao mit den sozialen und politischen Realitäten auseinander.

Das Bild "Toys" von 2008 zeigt im Hintergrund ein Bild aus der Song-Dynastie, das die Jahrtausende alte Kultur in China vermittelt. Man spürt den sorgsamen Umgang mit den Pflanzen und die Ehrfurcht und Achtung der Menschen untereinander. Wie sehr sich die Kultur verändert hat, zeigt die Szene im Vordergrund. Auf einer Rikscha sitzt dick und feist Mao, der grinsend den Betrachter grüßt. Auch er bietet Waren feil, achtlos hingeworfene Gänseleiber, zwischen deren blutigen Federn schreiende und sterbende Antlitze von Menschen eingefügt sind. Ganz offensichtlich stellen die beiden am Lenker aufgehängten Köpfe Selbstbildnisse dar.

Die Bilder gehen unter die Haut, nicht nur aufgrund der drastischen Schilderungen, sondern auch durch die gekonnte Malerei, die mit erbarmungsloser Direktheit die physischen Details bis zum Obszönen beschreibt.

Öffnungszeiten Die Ausstellung wird am 22. März um 11 Uhr in der Kunsthalle Ammersee in der "Alten Brauerei Stegen" eröffnet. Einführung Dr. Gottfried Knapp. Geöffnet ist sie vom 23. März bis 19. April von Freitag bis Sonntag, 14 bis 18 Uhr.

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