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Zeitgeschichte

10.11.2012

Frühjahr des Schreckens

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Mehrfach konfiszierten französische Besatzungssoldaten im Frühjahr 1945 Autos, diese Zeichnung des Soldaten Jacques de Loriston zeigt eine solche Requirierung in Pürgen.

Oberstleutnant Gerhard Roletscheck berichtet bei den Ammersee-Heimatforschern über die französische Besatzungszeit 1945

Dießen Als nach dem Zweiten Weltkrieg das besiegte Deutsche Reich in Besatzungszonen aufgeteilt wurde, kam Bayern unter amerikanische Kontrolle. Lediglich der Landkreis Lindau wurde Teil der französischen Besatzungszone. Zumindest kurzzeitig wurden bei Kriegsende aber auch das Ammersee-Westufer und der südliche Landkreis Landsberg französisch besetzt. Für viele Bewohner dieses Landstrichs geriet das Frühjahr 1945 daraufhin zu einer Schreckens- und Leidenszeit, wie kürzlich ein Vortrag von Gerhard Roletscheck bei den Ammersee-Heimatforschern in Dießen in Erinnerung rief.

Was in vielen Ortschroniken allenfalls kurz angedeutet wird, hat der Oberstleutnant in den vergangenen Jahren genauer erforscht, nachdem 1986 erstmals der Landsberger Heinrich Pflanz dazu einen Artikel publiziert hatte. Bei den französischen Kurzzeit-Besatzern handelte es sich um die 2. französische Panzerdivision.

Ihr Befehlshaber war General Jacques Philippe Leclerc (1902-1947). „Das waren 20000 Mann, darunter 5000 Afrikaner unter anderem aus dem Tschad und Marokko, ein bunt zusammengewürfelter Haufen“, beschreibt Roletscheck die Truppe. Leclerc selbst war zuvor in Algerien gewesen. Nach dem Ende des Weltkriegs in Europa wurde er nach Indochina abberufen und kam Ende 1947 bei einem Flugzeugabsturz in Algerien ums Leben. Die französischen Einheiten waren der 7. US-Armee unterstellt und kamen in deren Gefolge nach Süddeutschland, nachdem sie Mitte April 1945 an der Gironde-Mündung am Atlantik die letzten deutschen Widerstandsnester besiegt hatten.

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Sie sollten den französischen Anteil am Sieg über Hitler-Deutschland demonstrieren und hatten als Ziel den Obersalzberg. Die Leclerc-Truppen hatten aber offensichtlich keinen besonders guten Ruf, wie Roletscheck aus amerikanischen Berichten zitierte. Der französische Anhang sei mehr mit Plündern als mit Kämpfen beschäftigt und behindere die Truppen eher, hieß es darin.

Einem Teil der 2. Panzerdivision wurde der südöstliche Teil des Landkreises Landsberg als Aufenthalt zugewiesen, das Hauptquartier wurde in Dießen eingerichtet. Hierher kam am 19. Mai auch der Chef der damaligen provisorischen Regierung Frankreichs, Charles de Gaulle, auf dem Weg zu einer Truppenparade auf dem Lechfeld. Er übernachtete auf dem Curry-Anwesen in Riederau. Außer den mündlichen Überlieferungen von Zeitzeugen sind aus diesen Wochen auch einige amtliche Berichte im Stadtarchiv in Landsberg erhalten, berichtete Roletscheck.

So sei am 5. Mai einem Behördenvertreter in Schondorf der Kraftwagen geraubt worden, selbst vor dem Klau von Rotkreuz-Fahrzeugen schreckten die Soldaten nicht zurück, hieß es in dem Bericht weiter. Solche Requirierungen hielt auch der zeichnende französische Soldat Jacques de Loriston fest – und auch, wie die Soldaten in Pürgen ein Auto abschleppten.

Ein umfassenderes Bild der Lage vermittelten Mitte Mai die Erkundungsfahrten des kurzzeitig amtierenden Landrats Dr. Karl Linn. Plünderungen und Vergewaltigungen hat es nach seinen schriftlich niedergelegten Berichten in fast allen Gemeinden gegeben, in denen die Soldaten stationiert waren.

Vielerorts wurden sämtliche Radiogeräte entwendet. In Schondorf wurden auch an die 150 Fotoapparate gestohlen. In Riederau summierte sich das gestohlene Bargeld auf rund 30000 Reichsmark, ein Mann wurde von einem plündernden Franzosen erschossen. Aus Unterfinning wurde berichtet, dass die Besatzer täglich 30 Kilogramm Butter und 200 Kilogramm Fleisch als Proviant verlangten und bereits fast alles Geflügel erschossen hätten. Woanders – was auch auf Zeichnungen dargestellt ist – hielten sich die Besatzungssoldaten nicht nur am Vieh, sondern auch am Wild schadlos. In Hechenwang sollen innerhalb weniger Tage 50 Stück Reh erlegt worden sein.

Am stärksten, so Roletscheck, sei Entraching heimgesucht worden, wo rund 450 französische Soldaten einquartiert waren. Zwei große Höfe seien niedergebrannt, zahlreiche weitere Scheunen angezündet worden, im Gasthaus sei die Einrichtung zerstört, auf einem anderen Anwesen sämtliches Geschirr zertrümmert worden.

Nach den Vergewaltigungen vom Mai habe im Sommer 1945 sogar der Pfarrer eine Generalabsolution für Abtreibungen erteilt, trug Roletscheck weiter vor. Ein deutscher Soldat starb an den erlittenen Misshandlungen.

Als Grund, warum es gerade in Entraching zu solchen Ausschreitungen kam, vermutet Roletscheck einen Besuch der dortigen französischen Soldaten im kurz zuvor befreiten Konzentrationslager Dachau. Daneben sei auffällig, dass gerade auch Anwesen geplündert oder beschädigt wurden, in denen die Besatzungstruppen Fotos SS-Angehöriger gefunden hatten.

Die Schule in Unterfinning sei wohl deswegen total zertrümmert worden, weil dort ein Foto gefunden wurde, das den Lehrer zeigte, wie er als Soldat in Frankreich stationiert war, ergänzte ein Zeitzeuge aus Finning. Das dramatischste Ereignis der französischen Besatzungszeit spielte sich in Utting ab. Am 3. Mai hatten französische Soldaten in Raisting den Major Walter Teichmann und den Feldwebel Josef Zimmermann aus ihren Wohnungen abgeholt und den aus Karlsbad kommenden Feldwebel Josef Bauer sowie den aus Ostpreußen stammenden Bankvorstand Karl Huber aufgegriffen. Tags darauf eröffnete der französische Offizier Belvalette dem kommissarischen Bürgermeister von Dießen, Ludwig Sauer, die vier Männer, die er der Spionage beschuldigte, erschießen zu lassen. Der Bürgermeister konnte nur erreichen, dass den Männern geistlicher Beistand gewährt wurde. Sie wurden im Tal des Lebens am südlichen Uttinger Ortsrand erschossen. Zwei Tage später wurden in einer nahen Kiesgrube zwei deutsche Luftwaffenangehörige, der Major Hans Günther Großholz und der Oberfeldwebel Karl Wimmer, hingerichtet. Ein Kreuz am Mühlbach erinnert an die sechs Ermordeten.

Ein Ende nahm der Schrecken der französischen Besatzung im Juni: Die Soldaten der 2. Panzerdivision sollten als Befreier von Paris dort an der Siegesparade am 19. Juni teilnehmen.

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