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Theater

20.11.2018

Fünf Puppenspieler und ein Dutzend Puppen

Die Puppe Rainer Maria Rilke und die Akteuere, die sie zum Leben erwecken. Eine fast unwirklich erscheinende Szene mit vielen Luftblasen. Das Puppentheater Halle gastierte in Landsberg.
Bild: Thorsten Jordan

Das Puppentheater Halle zeigt die Bühnenfassung des Bestsellers „1913“. Das Leben vor der Katastrophe

Der Erste Weltkrieg und sein Ende vor 100 Jahren ist derzeit wieder ein wichtiges Thema des Gedenkens, von Ausstellungen und Dokumentationen. Florian Illies, Autor des Bestsellers „1913“, befasste sich hingegen mit dem Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges und machte unzählige Momentaufnahmen aus dem Leben berühmter Persönlichkeiten in diesem Jahr. Wie dachten und lebten sie, die direkt vor dem Abgrund standen und es nicht wussten, vielleicht aber ahnten?

Und wie kann man dies als Bühnenstück arrangieren, und, nicht genug damit, auch noch als Puppenspiel? Das Puppentheater Halle schaffte dieses Kunststück in einer Fassung von Regisseur Christoph Werner. Fünf Puppenspieler und ein gutes Dutzend Puppen boten, alle gleichzeitig auf der Bühne, amüsante Einblicke in ganz persönliche und menschliche Szenen aus dem Leben von Franz Kafka, Josef Stalin, Adolf Hitler, Sigmund Freud, Thomas Mann, Else Lasker-Schüler, Kaiser Franz Joseph von Österreich-Ungarn und einigen mehr. Die etwa armgroßen Puppen stammen von Louise Nowitzki.

Louise Nowitzki, Franziska Rattay, Ivana Sajevic, Nico Parisius und Christian Sengewald stolzieren auf die Bühne, alle gleich im schwarzen Anzug – sie sind, wie sie betonen, der Erfolgsautor Florian Illies, der „Kunstgeschichte in Bonn und Oxford studiert hat und erfolgreicher Journalist, Redakteur und Herausgeber“ ist. Der Autor bekommt während des Stücks immer wieder Seitenhiebe ab, indem er sich selbst blasiert hervortut oder von den Figuren als Wichtigtuer bloßgestellt wird, der auch nur Vermutungen anstellt. Die Figuren selbst scheinen es zu genießen, nach über 100 Jahren wieder einmal zu Wort zu kommen und Aufmerksamkeit zu erhalten.

Franz Kafka suhlt sich in seinen depressiven Gedankenverstrickungen um eine unmögliche Liebesbeziehung. Sigmund Freud erklärt im Stechschritt seinen Standpunkt im Streit mit C. G. Jung. Rainer Maria Rilke, stets umgeben von Seifenblasen, erbettelt sich immer wieder die Aufmerksamkeit („Hallooo? Hallooo!“) und gibt dann ein paar weltfremde Reime von sich. Und über all dem sitzt der alte Kaiser Franz Joseph und resigniert im österreichischen Dialekt vor den modernen Zeiten. Hitler und Stalin begegnen sich beinahe im Park von Schönbrunn. Und die Mona Lisa ist verschwunden.

All diese scheinbar zusammenhanglosen Details ergeben ein höchst amüsantes Gesamtbild. Es entsteht vor allem durch die menschlichen Eigenheiten der Figuren, die durch die Puppenspieler wunderbar herausgearbeitet werden. Sicher sind diese Eigenheiten karikaturenhaft übertrieben dargestellt, aber sie lassen Solidarität und Mitgefühl mit den Figuren entstehen.

Der Zuschauer erkennt, wie gefangen auch diese großen Persönlichkeiten in ihrem kleinen Leben, ihrer Zeit, ihren Umständen, ihrer eigenen Psyche sind.

Nur Hitler und Stalin landen sehr bald in einer Mottenkiste, nachdem vor allem die Darstellung der Hitlerfigur für einige Lacher gesorgt hat.

Schließlich entwickeln die Figuren ein Eigenleben, fangen an, einer über den anderen zu erzählen, geben ihren Spielern harsche Anweisungen oder drängen sich ihnen auf. Eine Unmenge an Leuten scheint sich auf der Bühne zu tummeln, die alle erzählen wollen, etwas Wichtiges zu vermitteln haben, sich bedeutend fühlen.

Wie eine Bombe fällt am Ende eine Schriftrolle vom Himmel, darauf steht das düstere Märchen aus Büchners „Woyzeck“. Die wiedergefundene Mona Lisa erzählt es und gibt damit einen Ausblick auf die Schrecken des 20. Jahrhunderts, die am Ende des Jahres 1913 unmittelbar bevorstehen. Eine wunderbar lebendige und kurzweilige Bühnenfassung des umfangreichen Stoffs, voller Witz und Humor, die doch eine Vorahnung der großen Katastrophe durchscheinen lässt.

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