1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Für fünf Gedenkminuten stand der Verkehr still

Landsberg

05.10.2016

Für fünf Gedenkminuten stand der Verkehr still

Der Cellist Rudolf Kuhn spielte eine Sarabande von Johann Sebastian Bach, während die Teilnehmer zu einer Gedenkminute an die ums Leben gekommenen Flüchtlinge die Köpfe senkten oder sich hinknieten.
Bild: Peter Blaha

Solidaritätskundgebung und 24-stündiger Warnstreik ehrenamtlicher Helfer. Die Resonanz im Internet ist groß.

Der symbolische Schulterschluss erfolgte gleich zu Beginn noch auf dem Hauptplatz. Mit einem Sirtaki, dem griechischen Tanz, bei dem man dem Nachbarn den Arm um die Schultern legt, begann die Integrationshilfe LLäuft am Samstagmittag einen 24-stündigen Warnstreik, dem sich über 100 Helferkreise, Integrationsvereine und Initiativen ehrenamtlicher, in der Asylarbeit tätige Helfer aus ganz Deutschland vor allem über Solidaritätsbezeugungen im sozialen Netzwerk Facebook oder auf ihren Internetseiten (ProAsyl) anschlossen. In Landsberg schätzte die Polizei zu Beginn die Zahl der Teilnehmer auf rund 80, die sich laut Organisator Raffael Sonnenschein im Laufe der vierstündigen Solidaritätskundgebung auf mindestens 236 Personen erhöhte. Über einen Livestream, so der Streikinitiator, verfolgten über 18.000 Personen das Geschehen in Landsberg.

„Ich finde die Resonanz überwältigend“, war Raffael Sonnenschein am nächsten Tag glücklich über den Verlauf der Aktion. Schon im Vorfeld hätten sich auf der Facebook-Seite des Integrationsvereins LLäuft unzählige Solidaritätsschreiben aus dem gesamten Land gefunden. Darunter auch Grußbotschaften der Landtagsgruppierungen von Grünen, der Landes-SPD und der Linken Bayern. „Das repräsentiert eine immense Anzahl von Menschen“, weiß Sonnenschein, dass sein Verein mit der Aktion den Nerv vieler Menschen getroffen hat. Daher sei es kein Wunder, dass Vertreter aus dem Sprecherrat der Freiwilligen aus Berlin „Moabit hilft“ auf dem Landsberger Podium ebenso antraten wie die des Bayerischen Flüchtlingsrates. Aus dem griechischen Flüchtlingslager Karamanlis erreichten die Landsberger Bildbotschaften der Helfer wie aus Italien.

Sonnenschein spricht von „unsäglicher Stimmungsmache“

Den Anlass für diesen 24-stündigen Warnstreik habe der Umgang der Bayerischen Landesregierung mit dem Thema und ihr zunehmendes „Flüchtlings-Bashing“ bewirkt. Sonnenschein spricht von „unsäglicher Stimmungsmache“ gegen die Geflüchteten. Das seien keineswegs Ausrutscher, sondern verkrustete Ideologie in Bayern. Sein Verein fordert unter anderem dazu auf, dass die bisherige Duldungspraxis durch ein schnelleres, unbefristetes Aufenthaltsrecht ersetzt wird. „Wir brauchen für unser Bundesland endlich ein Integrationskonzept.“ Auch Reinhold Lenski vom Helferkreis Bobingen sprach am Samstag davon, dass er bereits vor zwei Jahren eine ähnliche Idee eines Generalstreiks der Ehrenamtlichen gedanklich durchgespielt habe. Hilfe und Unterstützung könne nur von „ganz oben“ in der Politik kommen, dort müsse sich einiges ändern.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Dem ständig präsenten Frust, der seiner Meinung nach durch die permanent abwehrende und desinteressierte Haltung der Politik, auch der Kommunalpolitik nur noch verstärkt werde, gab das Vorstandsmitglied der Integrationshilfe LLäuft, Bruno Schulz, eine Stimme: „Welcher Stadtrat zeigt Interesse“, rief er der Versammlung zu. Es seien die Ehrenamtlichen, die den Flüchtlingen mit ihrer Arbeit täglich Perspektiven aufzeigten, ihnen durch tägliche Gespräche Hoffnung gäben. Doch diese Leute seien an persönlichen Grenzen angelangt, wüssten sich nicht mehr zu helfen.

Aktion mit Menschenkette und Geleitzug

Mit dem Warnstreik, der zunächst bewusst auf einen ruhigen Samstag gelegt worden war („Wir hatten einen Notdienst organisiert. Einer war immer als Ansprechpartner zur Verfügung“) soll die Aktion aber nun nicht beendet sein. Zunächst möchte die Integrationshilfe LLäuft weiter Solidaritätsbekundungen sammeln, die den Verein künftig erreichen. Dann aber würde sie gerne ein Gespräch mit der Landtagspräsidentin Barbara Stamm führen (Raffael Sonnenschein: „Ich bin gespannt, ob sie mit uns redet“) und natürlich verfolgen, wie man weiterhin mit den Ehrenamtlichen umgeht.

Vor Ort würde er sich wünschen, dass der Landkreis Verständnis für den Verein entwickeln würde. Dass sich nicht alle Helferkreise vor allem in der Stadt Landsberg dem Warnstreik anschlossen, findet er einerseits normal, andererseits schade. Deren Argumenten, lieber den Kompromiss als die Konfrontation zu suchen oder nicht mit dem Verein Integrationshilfe kooperieren zu wollen, stellt er gegenüber, dass er gerade in einem Streik die faire und gute Gelegenheit sieht, „über Probleme miteinander zu reden“.

Die Aktion am Samstagnachmittag wurde mit einer Menschenkette, einem Geleitzug an der Karolinenbrücke, bei dem ein Schlauchboot als Symbol für die vielen ertrunkenen Flüchtlinge mitgeführt wurde, abgeschlossen.

Auf der Brücke spielte dann der Cellist Rudolf Kuhn eine Sarabande von Johann Sebastian Bach, während die Teilnehmer zu einer Gedenkminute die Köpfe senkten oder sich hinknieten und die Polizei den Straßenverkehr anhielt.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
leit237623.JPG
Kreis Landsberg

Das Ehrenamt mehr berücksichtigen

ad__pluspaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live, aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Plus+ Paket ansehen