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Musik&Spiel

17.01.2019

Geifernde Hexen und die Geburt Jesu

Im Weihnachtsspiel von Carl Orff haben auch Hexen ihren Platz. In der Klosterkirche St. Ottilien traten sie in fantastisch-aufwendigen Kostümen auf, sprangen über die Bühne und stachelten sich gegenseitig auf.
Bild: Beate Bentele

Das Weihnachtsspiel von Carl Orff wird in der Klosterkirche St. Ottilien aufgeführt. Warum es sich als echter Glücksgriff erwiesen hat

„So lang auf dera Welt Hominibus san, so lang gibt’s a koan Pax.“ Ein wahrhaft zeitloses Wort, das Carl Orff einen der Hirten in seinem Weihnachtsspiel „Ludus de nato Infante mirificus“ sagen lässt. Der Hirte war genervt von den schwärmerischen Berichten eines jüngeren Kollegen. Dieser hatte von der Geburt des Heilands geträumt und von Engelschören. „Vom pax hams gsunga und vom hominibus.“ Immer und immer wieder sagte er das, bis der Ältere meinte „und jetz losst ma mei Ruah“. Doch der Jüngere lässt nicht locker, bis sie sich gemeinsam auf den Weg machen und das Kind suchen.

Das Orff’sche Weihnachtsspiel kam jetzt in der voll besetzten Unterkirche der Klosterkirche St. Ottilien zur szenischen Aufführung, was, wie sich gegen Ende des Spiels herausstellte, ein echter Glücksgriff war. Es sangen und spielten Mitglieder des Chors „ottiliAcapella“ (St. Ottilien), Musiker der „D’Orffwerkstatt Andechs“ und etliche Kinder des Kinderheims Sankt Alban in Dießen. Als Sprecher fungierte Alex Dorow, Einstudierung und Gesamtleitung lagen bei der Musikpädagogin Barbara Kling.

Das Werk war ein „typischer Orff“: Für den Komponisten war das Weihnachtsgeschehen ein großes, weltumspannendes, Körper, Geist und Seele verbindendes, Licht und Dunkel, Gut und Böse herausforderndes Mysterium. Brachial geifernde Hexen, sphärische Engel, zarte Frühlingsblumen: Für Orff ist das genauso wenig widersprüchlich wie das mit tiefstem altbairischem Dialekt verwendete Gelehrten-Latein oder antikes Griechisch. Über allem aber steht der Rhythmus, die Musik der Urwelt und allen Lebens, die überall gleiche Weltsprache.

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Barbara Kling hatte sich bei der Einstudierung hart an das Original gehalten und auch wie von Orff vorgegeben, Engelschöre von einem Tonträger zugespielt. Die legendäre Aufnahme aus dem Jahr 1971, bei der Orff Regie führte, der grandiose Kurt Eichhorn dirigierte und der Tölzer Knabenchor den Engelspart sang, erwirkte Gänsehauteffekte. Die Hexen (ottiliAcapella) hätten dem Komponisten gefallen: Wie sie in fantastisch-aufwendigen Kostümen über die Bühne sprangen, wie sie sich gegenseitig aufstachelten, wie sie schließlich auch einfach nur plapperten, Sprachen wie bunten Salat mischten, das war begeisternd.

Klasse auch Alex Dorow (im giftgrünen Shirt), der so elegant in die Rollen gleich mehrerer Hirten schlüpfte, dass beim bloßen Zuhören das Bild einer Hirtenschar am Lagerfeuer entstand. In hellen Kleidern, blumenbekränzt, allerliebst symbolisierten die Kinder den Frühling. Mit ihren zarten Stimmchen durchbrachen sie die Kälte des Winters und der dunklen Mächte. Letztere haben verloren – für den Augenblick. „Lasst’s es nur groß wern, des Kindl“, sagt die Seniorhexe. „Menschen bringen, wenn’s sein muss, an jed’n ans Kreuz.“

Sprach’s und reißt den Vorhang, der den Hochaltar verdeckte, herunter. Da ist sie, die Zukunft mit Jesus am Kreuz. Da sind wieder die Schauer, die nicht nur die Hexen treffen, sondern auch dem Besucher über den Rücken laufen. „Ja, rennt’s nur, schliafts nei in Bod’n.“

Am Sonntag, 20. Januar, um 16 Uhr (Einführung 15.15 Uhr) wird das Orff’sche Weihnachtsspiel im Saal des Augustinums Ammersee in Dießen ein weiteres Mal aufgeführt.

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