Newsticker

Zahl der Corona-Infizierten in München sinkt unter kritischen Wert

14.07.2010

Geprobte Revolution

Schwabhausen Was tun, wenn die Familie zu zerbrechen droht, weil das Oberhaupt derselben einem religiösen Eiferer verfallen ist? In Jean-Baptiste Molières Stück "Tartuffe" (frz. Betrüger), gerät die Familie ob der Blindgläubigkeit des Hausherren in immer größere Bedrängnis, ja schlittert fast in den Ruin. Zeitgemäß, das Stück wurde 1664 unter der Regierung des Sonnenkönigs, Ludwig XIV., uraufgeführt, schafft erst das Einschreiten des Königs, der als Deus ex Machina erscheint, ein Happy End. Der gutgläubige Bürger wird von der höchsten Macht im Staate geschützt, der Betrüger zur Rechenschaft gezogen und die Wahrheit brilliert.

Keine Heile-Welt-Gesinnung

In der Inszenierung der Virtuellen Companie, die das Stück im Rahmen des Theaterfestivals "Offene Grenzen" in Schwabhausen präsentiert, will sich diese Heile-Welt-Gesinnung nicht einstellen. Nachdem das Publikum durch das gesamte Stück hindurch mit dem schlauen, findigen Hausmädchen Dorine (wunderbar verkörpert durch Yasmin Afrouz) gelacht, mit der jungen, zweiten Ehefrau Elmire (durchweg überzeugend gespielt von Gabi Fischer) sympatisiert und mit Marianne, der Tochter aus erster Ehe (bezaubernd mädchenhaft dargestellt von Bettina Balk) gebangt hat, bleibt Orgon, das Familienoberhaupt, als Schuldiger stehen.

Schuld am Ruin der Familie, weil er, geblendet vom wortgewaltigen, puritanischen Auftreten Tartuffes (Janós Fischer erweist sich als wahrer Könner in Sachen Mimik), die Augen verschloss und sich in Idealen wiegte, wo kritischer Geist nötig gewesen wäre. Orgon (von Klaus Wächter amüsant als kleingeistiger Leisetreter angelegt) erweist sich als der Täter, der durch Nichtstun schuldig wird.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

In der Schlussszene geht auf der Bühne nach und nach das Licht aus und für einen Moment scheint der gebeugte Orgon dort allein zu stehen. Dann wird alles dunkel und verwirrtes Schweigen macht sich im Publikum breit. Wie, fragt man sich, war es bis eben nicht eine Komödie, die da gespielt wurde? An dieser Stelle erweist sich die Inszenierungsidee der Regisseurin der Virtuellen Companie, Katalin Fischer, als geschickter Kunstgriff. Denn wie schon in verschiedenen Szenen zuvor, lösen sich die Schauspieler plötzlich von ihren Rollen und es entsteht eine zweite Welt, ein Theater im Theater. Nicht mehr Dorine, Elmire und Marianne tragen die Handlung weiter, sondern Yasmin, Gabi und Bettina. Sie protestieren gegen das dramatische Ende, das zwar die Botschaft des Stücks vollkommen deutlich macht, doch keine Hoffnung mehr zulässt. Nach einem kurzen Dialog mit der Regie wird entschieden, dass zwar der seligmachende König nach wie vor als völlig veraltet entfallen muss, aber dafür die Liebe siegen soll. Orgon kommt also mit einem blauen Auge davon und der Zuschauer kann beschwingt aus dem Theater ins Leben zurückkehren.

In Zeiten, in denen Unterhaltung Vorrang hat vor Inhalt, ist das Theater eine der wenigen Instanzen, die moralischen Diskurs noch auf dem Spielplan hat. Wohltuend ist, wenn dieser didaktische Aspekt, wie im Falle Tartuffe verpackt in viele elegant-humorvolle Phrasen, als geistreiche Komödie geboten wird. "Wir spielen mit den Möglichkeiten des Theaters (…) wir zeigen das Spiel hinter dem Spiel", sagt Katalin Fischer über ihre Inszenierung, die nicht nur die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten des Textes offenlegt, sondern die Lehre aus dem bereits zur Anwendung bringt, also selbstbewusst über die Grenzen der bestehenden Vorstellungen hinaustritt. (amm)

Die gelungene Inszenierung wird noch einmal am Samstag, den 17. Juli, um 21 Uhr im "Kulturzentrum und Theaterlabor Unser Theater" in Schwabhausen zu sehen. Karten können telefonisch unter 08807 - 7228, oder via Mail an Katalin-Fischer@gmx.de, bestellt werden.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren