Klassiker

07.05.2019

Höchst aktuell

Sandro Sutalo, Klaus Philipp und Jan Arne Looss im Stadttheater.
Bild: Jordan

Das Landestheater Schwaben zeigt Michael Kohlhaas

Die Erfahrung von Ungerechtigkeit kann ein ganzes Leben beeinflussen. Ganz schnell ist man bei den Wutbürgern, beim Internettroll oder beim alten weißen Mann. Ungerechtigkeit erzeugt Ohnmacht, und um dieses niederschmetternde Gefühl kontrollieren zu können, gehen einige mit einer sehr persönlichen rigorosen Rechtsauslegung über moralische und gesellschaftliche Grenzen hinweg. Höchst aktuell also dieser Michael Kohlhaas.

Das Landestheater Schwaben gastierte mit einer grandiosen Interpretation der Kleist‘schen Novelle im Stadttheater. So dürfen Klassiker gerne häufiger sein: Modern inszeniert, mit Anspielungen auf aktuelle Geschehnisse, trotz aller düsteren Grundstimmung mit humorvollen Einsprengseln, eine Mischung der Sprachstile, da, wo es sinnvoll ist, erzählende Zusammenfassungen der langatmigen Teile, kurze Einbeziehung des Publikums, hervorragendes Bühnenbild. Die Memminger gehören unter der Intendantin Kathrin Mädler nicht umsonst zu den derzeit spannendsten Theaterbühnen der Nation. Anne Verena Freybott hat den Kohlhaas wunderbar modern, frisch und intelligent inszeniert. Dramaturg Thomas Gipfel gebührt Ehre für die intensive, straffe und abwechslungsreiche Gestaltung der Handlung.

Der Inhalt von Michael Kohlhaas ist bekannt: Es ist die Geschichte eines tragischen Rechtsstreits mit den ausufernden tödlichen Folgen der Selbstjustiz. Der Rosshändler Michael Kohlhaas fühlt sich durch die hinterlistigen Machenschaften des Junker von Tronker in seiner Berufsehre verletzt und klagt seinen Schaden vor Gericht ein. Die Rechtssprechung schützt die Herrschenden durch Vetternwirtschaft. Der ehemals rechtschaffene Bürger Kohlhaas ist zutiefst von der Gerechtigkeit seiner Sache überzeugt und treibt den Prozess mit allen Mitteln bis in die oberste Instanz.

Höchst aktuell

Klaus Phillip, Sandro Sutalo und Jan Arne Loss, nur drei Schauspieler, die geschickt Erzählperspektiven wie Rollen wechseln. Es braucht nur das weiße Jackett über dem Kopf, um zur Äbtissin zu werden, zur Schürze gebunden, um Kohlhaas’ Frau anzudeuten. Der ständige Rollentausch mittels Andeutung, Erzählung oder einfach nur durch Schauspielkunst gelingt überzeugend. Mit so wenigen Mitteln so viel Vielfalt darzustellen, ist hohe Theaterkunst. Ebenso das Bühnenbild: Es funktioniert mit der entsprechenden Monument-Valley-Projektion als weite Landschaft, in der Michael Kohlhaas, nun mit einem John Wayne Mantel, als klassischer Westernheld an der Grenze zwischen Outlaw und Rächer seine „Gang“ aus ebenfalls persönlich, gesellschaftlich und politisch frustrierten Mitläufern um sich sammelt.

Überhaupt trägt das Westernmotiv immer wieder – sei es mittels Musik oder Kostüm – durch das Stück: Michael Kohlhaas alias John Wayne, der einsame Held, der Hüter der Gerechtigkeit. Dabei werden Macht und Ohmacht, Schuld und Gerechtigkeit, Moral und Frevel in Form von Säcken ständig auf die ein oder andere Seite des Grabens (der Burg) geworfen, ein so wunderbares wie symbolisch vielfältiges Bild.

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