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Landsberg

22.02.2018

Kommt der Handwerker erst in einem Vierteljahr?

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Rudolf Klein, Chef des Heizungs-, Installations- und Sanitärfachbetrieb Karl Strasser in Landsberg, bei der Arbeit. Er sagt, es fehlt am Nachwuchs und prognostiziert Handwerker-Wartezeiten von mehr als einem Vierteljahr.
Bild: Julian Leitenstorfer

Volle Auftragsbücher bedeuten im Landkreis Landsberg auch lange Wartezeiten für die Kunden. Der Nachwuchs- und Fachkräftemangel verstärkt das Problem.

Dem Handwerk geht es gut. Erst kürzlich hieß es beim Neujahrsempfang der Kreishandwerkerschaft in Landsberg: volle Auftragsbücher allerorten. Doch für die Kunden hat das auch eine Kehrseite: einen Friseurtermin in der nächsten Woche? Spontaner Reifenwechsel in der Werkstatt? Zeitnahe Reparatur der gebrochenen Glasscheibe im Wintergarten? Ohne Wartezeiten und Voranmeldung geht derzeit nichts.

Die Handwerker rechnen mit längeren Wartezeiten

In der Baubranche ist aufgrund der anhaltend niedrigen Zinsen und des Baubooms die Lage noch angespannter: Wer bauen will, muss Geduld haben. Die Lösung könnte lauten, mehr Fachkräfte einstellen. Aber: Fachkräfte sind rar, der Nachwuchs studiert lieber. „15.000 Lehrstellen sind frei, das heißt, fast 20 Prozent der Ausbildungsplätze in Bayern sind nicht besetzt“, sagte Landsbergs Oberbürgermeister Mathias Neuner auf dem Empfang, „das ist dramatisch.“ Was das bedeutet, musste die Traditionsbäckerei Lahner erfahren. Weil sich kein Bäckermeister fand, der den Laden fortführt, musste die Bäckerei schließen (LT berichtete).

„Wir werden uns alle noch umsehen“, warnt Rudolf Klein, Chef vom Heizungs-, Installations- und Sanitärfachbetrieb Karl Strasser in Landsberg, und prognostiziert Handwerker-Wartezeiten von mehr als einem Vierteljahr. „Wir sind da, wenn Sie uns brauchen“, heißt der Slogan, der über 200 Jahre alten Firma. Bislang gelingt es dem Ehepaar Klein mit seinem Team noch, innerhalb von 14 Tagen Kundenwünsche zu erfüllen. Außer im Notfall. Zusätzliche Fachkräfte rekrutiere er oft über Leiharbeitsfirmen. Der letzte Lehrling wird nächste Woche fertig, zum Schnupperpraktikum sei schon lange keiner mehr gekommen.

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Das Metzgerhandwerk stellt einen Imagewandel fest

Auch das Metzger-Handwerk scheint vom Aussterben bedroht: Mehr als die Hälfte der Betriebe in Deutschland hat laut einer Arte-Dokumentation in den vergangenen zehn Jahren dichtgemacht. Gleichzeitig erfährt diese Branche einen Imagewandel. Von „coolen Männern und einer neuen Fleischkultur“ ist in Fachzeitschriften die Rede. Michael Moser, Inhaber der Metzgerei Moser und Innungsmeister, kämpft seit 20 Jahren für eine Wertschätzung seines Handwerks. Das „etwas verkrustete Blut-, Schweiß- und Tränenimage“ habe er mit Leidenschaft umgedreht. Moser schiebt es auf seinen jugendlichen Elan und seine Bereitschaft, jede Generation mit ihren Eigenheiten zu nehmen, wie sie ist. „Jammern hilft nicht weiter, wir müssen etwas tun.“ Die Innenstadt-Filiale macht er gerade zur „Ausbildungsfiliale“, in der die Azubis eigenverantwortlich unter Anleitung ihr Wissen praktisch umsetzen können.

Auch Schuhmacherin Luisa Grundmann im Landsberger Vorderanger ist eine Verfechterin alter Handwerkskunst in neuem Gewand. Mit Liebe für alte Tradition und Gespür für Stil und Gestaltung will sie dem Schuhmacherberuf eine „Hipster-Note“ verleihen und neue Impulse setzen.

Wie aber macht man zum Beispiel den Beruf des Kraftfahrzeug-Mechanikers attraktiv? Das Ehepaar Steinert von der gleichnamigen Werkstatt in Landsberg klagt über mangelnden Nachwuchs. Von Praktikanten, die nach drei Tagen einfach nicht mehr auftauchen, weil ihnen die Arbeit zu anstrengend ist, berichten sie. Vom Traumberuf bleibe oft nicht viel übrig.

Die Friseure ziehen sich die eigene Konkurrenz heran

Vor über 20 Jahren hat Steinert die Werkstatt übernommen, so einige Lehrlinge ausgebildet und weiter beschäftigt. Viele „Sozialfälle“ waren dabei, sagt Viktoria Steinert, die vorne in der Verwaltung sitzt und den Laden managt. Immer wieder hätten sie sich bemüht, doch schon seit einigen Jahren gebe es keine neuen Lehrlinge mehr. Bald wird auch Steinert seine Werkstatt schließen müssen - ein ehemals vorgesehener Mitarbeiter, der den Laden übernehmen wollte, sei abgesprungen. Gleichzeitig gibt es branchenabhängig immer weniger Betriebe, die überhaupt ausbilden wollen.

Friseurinnungsmeister Karlheinz Dittler etwa zählt von 150 Friseuren im Landkreis nur noch zehn Betriebe, die überhaupt bereit seien, Lehrlinge auszubilden und davon drei, die das auch tatsächlich tun. Nach der Abschaffung der Gesellenjahre im Friseurhandwerk ziehe man sich so, beklagt Dittler, seine eigene Konkurrenz heran, das wollten die wenigsten.

Fazit: Volle Auftragsbücher sind gut, aber wenn das Nachwuchsproblem nicht gelöst wird, sieht die Zukunft nicht rosig aus.

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