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Landsberg

08.10.2019

Konzert: Wenn die Stille zum schrillsten Ton wird

Yonathan Avishai (Klavier), Yoni Zelnik (Kontrabass) und Donald Kontomanou (Schlagzeug) im Stadttheater Landsberg.
Bild: Julian Leitenstorfer

Plus Yonathan Avishai Trio im Landsberger Stadttheater. Gelebte Demokratie in der Musik.

Wir hatten an dieser Stelle schon mehrmals auf die herausragende Stellung von israelischen Musikern im Jazz verwiesen. Das schöne an dieser Entwicklung ist: Sie setzt sich fort. Gerade erst hat der israelische Pianist Yonathan Avishai ein Duo-Album mit seinem Landsmann, dem Trompeter Avishai Cohen, mit dessen Quartett der Klavierspieler ebenfalls schon zu Gast in Landsberg war, eingespielt. Am Samtag gastierte nun Yonathan Avishai mit eigenem Trio am Lech.

Eine Fülle der Ausdrucksmöglichkeiten

Mag sein, dass kaum ein anderes Jazz-Label in den zurückliegenden Jahrzehnten mehr Piano-Trios aufgenommen hat, als dies bei ECM München der Fall ist. Doch gleichzeitig muss auch gesagt werden, dass die Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten, die individuelle Besonderheit der Instrumentalisten diese Veröffentlichungen absolut rechtfertigen. Dabei gehören Avishai, Bassist Yoni Zelnik und Schlagzeuger Donald Kontomanou bei weitem nicht zu den Feuerwerks- und Sprengmeistern der zeitgenössischen Musik. Ihre Herangehensweise ist subtiler, verinnerlichter, dramaturgisch ausgeklügelter und dabei nicht einen winzigen Bruchteil weniger spannend. Yonathan Avishai bewegt sich während seines Vortrags in einem weiten Feld von Jazz und Klassik, von Folklore und Moderne.

Immer mit persönlicher Note

Alles, was der heute in Frankreich lebende Pianist spielt, ist von einer sehr persönlichen Note durchdrungen. Egal ob er mit „Mood Indigo“ auf den unsterblichen Duke Ellington zurückgreift, Tangos auf eine unnachahmliche, orientalisch parfürmierte Weise interpretiert, oder ohne jedes Pathos frei improvisiert. In manchen Momenten glaubt man gar Yonathan Avishai spielt Monk, oder er klingt zumindest in seinen „stolpernden“ Klavierphrasen wie dessen Halbbruder (passend wäre auch ein Ausspruch, den Monk irgendwann einmal getätigt haben soll, mitten im Spiel: „Die Stille ist der schrillste Ton“). Trotzdem bleibt der heute in Frankreich lebende Yonathan ganz bei sich. Avishai spielt Avishai. Überhaupt wird während des gesamten Vortrags deutlich: keiner der drei Musiker schlägt ein virtuoses Rad, spreizt sich eben nicht solistisch, sondern nimmt auf empathische Weise den Gedanken des anderen auf, führt ihn fort, gibt ihm eine neue Richtung, vervollständigt ihn - bis zu einem bestimmten Punkt. Denn das Besondere am Yonathan Avishai Trio ist das Andeuten von melodischen Motiven, das Umzirkeln von Harmonien. Selten nur hört man eine Melodie in ihrer Vollständigkeit. Immer bleibt etwas offen, unvollendet könnte man auch sagen, was sich erst im Kopf des Hörers zu einem Ganzen fügt und zündend wirkt. Das ist gelebte Demokratie schlechthin - in der Musik.

Und das Trio ist offen. Offen für Ideen von außen, offen in der Verarbeitung derer und auch offen wiederum in der Präsentation, so dass der Hörer bei ihm immer die Möglichkeit hat, klangliche Ideen gedanklich zu vervollständigen, geistig fortzuspinnen. Dadurch bekommt die Musik Raum zum Atmen, sind die Ränder angenehm ausgefranst.

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