Konzert II

24.04.2018

Kraftvoll und ruhelos

Ausgeschlafen im Stadttheater (von links): Omer Klein, Haggai Cohen-Milo (Bass) und Amir Bresler (Schlagzeug).
Bild: Thorsten Jordan

Jazz-Pianist Omer Klein präsentiert sein neues Werk im Stadttheater. Die Musiker legen ein enormes Tempo vor

Dass sich Musiker mit dem Schlaf beschäftigen, hat mit Sicherheit einen ganz persönlichen Bezug. Robert Wyatt, einstiger Schlagzeuger der Canterbury-Band Softmachine, nannte eines seiner grandiosen Alben in den 1990er Jahren „Shleep“. Es bezog sich auf die eigene albtraumhafte Schlaflosigkeit, die Wyatt fast den Verstand raubte. Und Omer Klein, der israelische Jazz-Pianist mit Wohnsitz Düsseldorf? Was hat es mit seinem im letzten Jahr erschienenen Album „Sleepwalkers“ auf sich?

Es ist ein ausgeschlafenes, ein ambitioniertes Werk. Und auch dessen Live-Fassung klingt, wie im Stadttheater zu hören, kraftvoll, ruhelos, aufgeweckt. Wobei der Pianist den Titel „Sleepwalkers“ als einen Weck- und Warnruf verstanden wissen möchte, sich eben nicht schlafwandelnd durch die Welt zu bewegen, sondern die Realität, speziell ihre technologischen Gefahren, mit wachem Geiste wahrzunehmen.

Das Trio, Klein teilte sich in Landsberg die Bühne mit Haggai Cohen-Milo am Bass und Amir Bresler am Schlagzeug, legte von Beginn an ein enormes Tempo vor. Jazz von seiner temperamentvollen, von seiner eruptiven Seite. Gespielt in technischer Brillanz, in der die Spannung brodelte und die Ideen Purzelbäume schlugen. Aber so, wie einige der jungen Klavier-Virtuosen, setzt auch Klein nicht unbedingt auf die Altvorderen des Jazz. Nicht jede musikalische Faser seines Körpers atmet die großen Solisten der Jazz-Geschichte. In Kleins Spiel sind deutlicher die ethnischen Einflüsse seiner Heimat zu spüren, orientalische Folklore, zeitweise als Pop getarnt, eine Prise Rock ‘n’ Roll und viele Elemente der klassischen Klavier-Literatur. Der rudimentäre Swing des Jazz ist in seinem Trio einem treibenden, einem unwiderstehlichen Groove gewichen. Der hält die ganze Musik zusammen, gibt ihr diese tänzerische Verspieltheit und sprühende Dynamik.

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Klein dreht währenddessen am Instrument glanzvolle Pirouetten, wagt pianistisch die höchsten Schwierigkeitsgrade, wirft Motive in den Ring, explodiert förmlich vor Musikalität. Alles andere als ein Virtuose der Bescheidenheit. Er verbindet in seinem Spiel Heiterkeit und Spiritualität, wobei es ihm um Eindringlichkeit, um Intensität geht, vorgetragen in einer beeindruckenden Gelassenheit.

Haggai Cohen-Milo hält es am Bass nicht auf der Stelle. Er tanzt am Fleck, soliert in paganinihafter Virtuosität, grandios und raffiniert. Und immer in Kontakt zu Amir Bresler, der am Schlagzeug unablässig die Rhythmen splittet, der Wellen getrommelter Ungeheuerlichkeiten erzeugt, der geschickt die Metren verstolpert und dessen Beckenrauschen eine enorme Sogkraft entfaltet. Etwas Ruhe zog erst mit einer Komposition von Antonio Carlos Jobim in den Saal.

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