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Landsberg

11.04.2020

Künstler in der Krise: Wenn die Miete mit einem Bild gezahlt wird

Künstlerfamilie Moreth: Saskia Pavek (Fotografin), Konstantin Moreth (Schauspieler/Regisseur), Luisa Moreth (18, Schülerin), Hannah Moreth (Schauspielerin, 22).
Bild: Thorsten Jordan

Wie die Kulturschaffenden im Landkreis derzeit leben und (kein) Geld verdienen. Kreative Wege, um in Zeiten ohne öffentlichem Kulturleben zu überleben. Aber nicht jeder kann und will seine Kunst auf digitalem Wege präsentieren.

Theater, Kinos und Galerien sind geschlossen, Ausstellungen, Konzerte und Lesungen abgesagt, freiberufliche Mal- und Musiklehrer stehen ohne Schüler da, kurz: die Kunst- und Kulturszene leidet massiv unter der aktuellen Krise. Die unterschiedlichen Künstlerverbände deutschlandweit senden dringliche Appelle an die zuständigen Ministerien, sich verstärkt um die existenziell bedrohten Kulturschaffenden und -betriebe zu kümmern. Wir haben mit einigen Künstlerinnen und Kulturschaffenden im Landkreis gesprochen und konnten vor allem einen Trend erkennen: Kreative gehen auch mit Krisen kreativ um.

Soforthilfe beantragt, immer noch keine Zusage

Der Fotografin Saskia Pavek aus Riederau brechen derzeit alle Fotoaufträge weg, sie hat die Soforthilfe des Freistaats beantragt, aber noch keine Zusage erhalten. Noch kann sie die fehlenden Aufträge finanziell überbrücken und genießt die Entschleunigung zu Hause. Ihrem Mann, dem Regisseur und Schauspieler Konstantin Moreth, geht es ähnlich. Die Premiere seines neuen Stücks ist vorerst abgesagt, eingeplante Drehtage entfallen komplett. „Vieles hängt in der Luft“, aber er habe noch Hoffnung, dass die Aufführung nur verschoben sei. Immerhin hat er die Finanzhilfe bereits bewilligt bekommen, auf dem Konto ist sie allerdings noch nicht. „Mit der Zusage können wir zumindest den April über ruhig schlafen.“ Er habe „gefühlt ein ganzes Jahr durchgeackert“ und ist durchaus froh, jetzt ein wenig Zeit „zum Runterkommen“ zu haben. „Ich fang jetzt wieder so richtig mit dem Schreiben an.“

Besonnenheit ist jetzt wichtig

Auch die Künstlerin Katinka Schneweis aus Denklingen will nicht jammern. „Jetzt sind kreative Lösungen gefragt und Besonnenheit ist wichtiger denn je.“ Am Anfang war sie „schon am Boden zerstört“, alle Ausstellungen und Workshops abgesagt. Aber sie habe viel persönliches Entgegenkommen erfahren, und „wenn du ausnahmsweise eine Monatsmiete mit einem Bild bezahlen kannst, hilft das schon extrem weiter.“

Gerade die bildenden Künstler seien ja finanziell schwierige Situationen und dementsprechendes Durchhaltevermögen gewohnt. „Ich freue mich, dass sich die Welt zur Zeit langsamer dreht.“ Schneweis arbeitet jetzt viel konzeptionell und plant die Zeit für „das Leben danach“.

Die Illustratorin Katharina Rücker-Weininger aus Fuchstal (mit Galerie im Vorderen Anger) hat ebenfalls „einen Rieseneinbruch“ zu beklagen. Die beantragte staatliche Finanzhilfe ist ihr bewilligt worden, die aktuelle Situation wird sie dadurch meistern können. Ihre größte Sorge gilt dem langfristigen Effekt der Krise auf die Künstler.

„Unsere Kunden sind Leute, die wahrscheinlich selber ebenfalls in eine Schieflage gekommen sind“, und dann werde wohl an dem, „was man vermeintlich nicht zum Leben braucht, zuerst gespart.“ Alles sei sehr beängstigend, aber auch sie versucht, das Beste daraus zu machen, „nach der ersten Orientierungslosigkeit schreibe ich jetzt an einem schon lange liegenden Roman weiter.“

Die Theaterproben ins Netz verlegt

Die Theaterpädagogin und Leiterin der Jungen Bühne im Landsberger Stadttheater Julia Andres schwärmt geradezu von den vielen Möglichkeiten, zurzeit Theater zu gestalten, „es gibt immer mehr als einen Weg, Kultur zu machen.“ Sie hat die kompletten Proben mit ihren Schülern ins Netz verlegt, Chatgruppen, Facetime, Videodrehs, selbst das Nähen der Kostüme erfolgt über abfotografierte und gemailte Anleitungen.

„Wir machen aus einer blöden Situation das Beste und ganz ehrlich: den Schülern tut es gerade so gut zu sehen, dass man auch mit Lachen durch die Krise kommt, dass es weitergeht und dass es ihnen besser geht, wenn man positive Dinge gestalten kann.“

Ohne Töpfermärkte keine Existenz

Anders sieht es bei der Keramikerin Astrid Schröder aus Finning aus. Sie stellt Gefäßkeramik und Porzellan mit aufwendigen Glasuren her, deren Verkauf hauptsächlich auf zwei Märkten stattfindet, auf denen das entsprechende Fachpublikum anwesend ist. „Meine Existenz steht und fällt mit dem Töpfermarkt in Dießen“, ein zweiter relevanter Markt in Freiburg ist bereits abgesagt.

Alleine vom Dießener Markt generiert sie mehr als die Hälfte ihres jährlichen Einkommens. Wie es weitergehen soll, weiß die 67-Jährige noch nicht, „ich mache einfach weiter und produziere.“ Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Der international bekannte Jazz-Saxofonist Michael Lutzeier aus Dießen sollte eigentlich in diesen Tagen in der Mongolei spielen und lehren. Alles abgesagt, auch seine Bigband-Proben an der Uni Ulm (wo er einen Lehrauftrag hat) und natürlich alle geplanten Live-Auftritte.

Finanzhilfe hat er nicht beantragt, er will vorerst auf eigene Rücklagen zurückgreifen, „als Jazzmusiker kann ich improvisieren und andere haben es gerade viel nötiger.“ Auch online wird er nicht spielen, denn „als Live-Musiker bin ich der Überzeugung: Kunst muss berühren dürfen“.

Die aktuelle gesamtgesellschaftliche Entwicklung liegt Lutzeier mehr am Herzen als sein individuelles Schicksal. Er hofft auf eine positive Veränderung der gesamten Gesellschaft hin zu mehr „herzlichem Miteinander“.

„Es liegt eine große Chance in der Krise und das mögen Künstler. Ich hoffe, wir kommen als Gemeinschaft da raus, wo wir als Gesellschaft reingeschlittert sind.“

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