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Jexhof

04.01.2016

Lärm und schiache Masken gegen Dämonen

Die Amperperchten lassen ihre Masken nach alten Mustern in Berchtesgaden schnitzen. Sie tanzen sie mit ihren zähnefletschende Larven um das Feuer und stampfen mit Füßen und geschmückten Stäben auf dem Boden. 
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Die Amperperchten lassen ihre Masken nach alten Mustern in Berchtesgaden schnitzen. Sie tanzen sie mit ihren zähnefletschende Larven um das Feuer und stampfen mit Füßen und geschmückten Stäben auf dem Boden. 

Am Bauernhofmuseum lassen die Amperperchten altes Brauchtum wieder aufleben.

Aus dem dichter werdenden Nebel leuchten ihre Fackeln, künden die Glocken in der herabsinkenden Dämmerung ihre Ankunft. Und plötzlich sind sie da, inmitten einem Rund von staunenden Erwachsenen und erschrockenen Kindern: Die Amperperchten mit ihren furchterregenden Masken. Widderbehörnt ist der eine, Steinbockhörner trägt der andere, zotteliges Ziegen- oder Yakfell umhüllt die schaurigen Gestalten, die mit Schellen, Glocken und Ketten umgürtet sind.

Doch hier vor dem Bauernhofmuseum Jexhof in Schöngeising ist von vornherein klar, es handelt sich um Brauchtum, welches den rund 300 Zuschauern auch erklärt wird: „Wir wollen nicht Angst und Schrecken verbreiten“, sagt Vereinsvorsitzender Klaus Trnka, der Initiator der Amperperchten, die sich 2013 gründeten. „Die Perchtenzeit ist die Raunachtzeit“, erzählt Trnka – die zwölf Nächte der Differenz zwischen dem 354 Tage dauerndem Mondjahr und unserem jetzigen Kalenderjahr mit seinen 365 Tagen. Werden die Raunächte terminlich auch manchmal anders gesetzt, allen Überlieferungen – sei es im Brucker Land, in Böhmen, im Salzkammergut oder am Lechroan ist aber eines gemein: Diese dunklen Winternächte gelten als Zeit in denen die Wirklichkeit der Menschen und die Welt des Übersinnlichen sich am nächsten sind. In die Zukunft sehen lässt sich in diesen Nächten und die Wilde Jagd, ein dämonisches Heer, welches über den winterlichen Nachthimmel streift, geht um. Wer nicht erfasst werden will, darf keine Wäsche waschen und aufhängen und beim Gebetsläuten mussten Kinder und Frauen daheim.

„Und die Spinnräder mussten auch still stehen“, erzählt Trnka am Jexhof; sie wurden in Verbindung gesehen mit dem Schicksalsrad, welches sich dreht. Hier am einsamen Jexhof könne man sich gut vorstellen, wie sich die Menschen früher in dieser dunklen Zeit, wenn der Wind heult und der Fensterladen klappert, gefühlt haben mögen. Und hier kommen die Perchten ins Spiel, die laut Trnka selbst ins Dämonische hinabsteigen und die Wintergeister vertreiben. So tanzen sie mit ihren zähnefletschenden Larven um das Feuer, neun Perchten und drei Hexen. Sie stampfen mit Füßen und geschmückten Stäben auf dem Boden, um diesen zum Erwachen zu bringen. Denn es geht natürlich auch darum, die Fruchtbarkeit der Erde wiederzuerwecken – übrigens nicht nur die von Acker und Flur: Eine Berührung mit einem Rosshaarschweif, den ein Percht mit sich führt, soll auch bei jungen Frauen Wirkung zeigen, verrät Trnka.

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So sind die Perchten zwar gar schrecklich anzusehen und sie ziehen auch den ein oder anderen aus der Zuschauerreihe, zerstrubbeln dessen Frisur und streichen mit ihren Schweifen über Nebenstehende, richtig grob werden sie aber nicht. Denn ihr Job ist es, Dämonen zu vertreiben, nicht selbst als das Böse aufzutreten, so nicht nur die Interpretation des Brauchtums durch die Amperperchten, sondern bei vielen Perchtenläufen. Andernorts werden auch Schiachperchten mit scheußlichen Fratzen und prächtige Schönperchten unterscheiden. Als Hauptfigur gilt Frau Perchta, die gerne doppelgesichtig, mit einer schönen und einer schiachen Seite auftritt und bei einigen Überlieferungen die Wilde Jagd anführt.

Wer im Internet nach historischen Erklärungen sucht, bekommt einige Thesen zur Herkunft der Perchten und von Frau Perchta. Eher kritisch gesehen wird in vielen Beiträgen die Vorstellung, bei Frau Perchta handle es sich um eine germanische Gottheit, die quasi im Untergrund des Brauchtums weiterexistierte. Am Jexhof brachte man bei einer Ausstellung zu dem Thema 2014 den Perchtenlauf auch mit Heischebräuchen um den 6. Januar in Verbindung. Auch eine Nähe zum Karneval wurde gesehen.

Der Brauchtumsforscher Karl von Leoprechting nennt 1855 keine Perchtenbräuche für den Lechroan und auch Trnka sieht den Ursprung dieses Brauchs im Alpenraum, den er aber im Landkreis Fürstenfeldbruck neu beleben wollte. Die Amperperchten lassen ihre Masken auch nach alten Mustern in Berchtesgaden schnitzen. Aber nicht nur in den Bergen tanzten und liefen die Perchten. Eine der ältesten Aufzeichnungen, in denen von einer Percht, die gejagt wurde, die Rede ist, findet man im Gemeindearchiv von Dießen, worauf der Brauchtumsforscher Hans Moser verweist: In mehreren Kammerrechnungen aus den Jahren 1582 bis 1647 sind Ausgaben der Gemeinde dafür aufgelistet. Am Jexhof hat der Spuk nach nicht ganz einer Stunde sein Ende, die Perchten nehmen ihre Masken ab und geben sich als Menschen zu erkennen.

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