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Landsberg

23.06.2020

Landsberg: Ein flammender Appell der Veranstalterszene

"Night of Light" in Landsberg: Impession vom Lechwehr
Bild: Julian Leitenstorfer Photographie

Plus In Landsberg erstrahlt das Lechwehr in Rot. Wer für große Events oder Konzerte arbeitet, ist derzeit beschäftigungslos und kämpft um seine Existenz. Darauf machen auch Betroffene aus dem Landkreis in der „Night of Light“ aufmerksam.

Schaurig-schön rauscht der Lech in der Nacht auf Dienstag in Landsberg übers Wehr – statt ins übliche Weiß-Gelb ist das Wasser in rotes Licht getaucht. Als schaurig dürften auch die meisten Eventveranstalter, Tontechniker, Clubbesitzer oder DJs ihre aktuelle berufliche Situation empfinden: absoluter Stillstand wegen der Corona-Beschränkungen. Bundesweit macht die Veranstaltungsbranche in dieser „Night of Light“ auf ihre Lage aufmerksam. Auch in Landsberg sind mehrere Bauwerke angestrahlt.

Eine rote Folie sorgt am Lechwehr für den neuen Farbton. Die Veranstalter dürfen die Lichttechnik der Stadtwerke nutzen und ihr Rot darüber legen. „Es ist schön, mal wieder ein Rohr über der Schulter und eine Leiter in der Hand zu haben und seinen Job zu machen“, sagt Bastian Georgi vom Landsberger Eventveranstalter Rebelz Sound, der mit Mitarbeiter Sven Broschulat und dem Tontechniker Marc Greiss (EarsUp Audio Engineering) die rote Folie verbaut.

Am Flößerplatz steht Georgis Landoll Event Fire Truck – rot angeleuchtet. Auf einem Bildschirm laufen die Informationen aus der „Night-of-Light“-Homepage. „Die nächsten 100 Tage übersteht die Veranstaltungswirtschaft nicht“, ist dort zu lesen. Man stehe auf der Roten Liste der akut vom Aussterben bedrohten Branchen. Darum der flammende Appell beziehungsweise „Alarmstufe Rot“. Großveranstaltungen sind bis Ende Oktober abgesagt, Konzerte nur bis 200 Personen (bestuhlt) erlaubt, und kleineren Events wie Firmenfeiern werden in der unsicheren Corona-Zeit in der Regel nicht gebucht – so die aktuelle Situation, wie sie auch Landsberger Betroffene beschreiben.

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Einer ,der von großen Veranstaltungen lebt, ist David „Buffo“ Völker aus Hechenwang. Der 50-Jährige organisiert als technischer Projektleiter mit seiner Partnerin „Shows mit bis zu 120000 Besuchern“. Oft seien sie für den weltweit größten Konzertveranstalter „Live Nation“ tätig, erzählt er und nennt bekannte Namen, deren Konzerte er organisiert hat: „Metallica, Bon Jovi, Brian Adams, Halsey, Guns n’Roses...“ Und seit 10. März sei nichts mehr zu tun.

„Wir brauchen den Support der Politik

Völker betont – wie auch andere Betroffene, die zum Lech gekommen sind – dass er die Hygienemaßnahmen für sinnvoll hält. Doch es gehe zum jetzigen Zeitpunkt darum, dass die Veranstaltungsbranche eine Perspektive brauche, wie es weitergeht. Mit Soforthilfe und dem Geld, das man sich zurückgelegt habe, habe man die drei Monate überstanden. Er sieht das gewissermaßen als „Selbstbeteiligung“. „Wir brauchen jetzt Unterstützung, wir brauchen den Support der Politik.“ Kultur sei wichtig und auch ein wichtiger Markt, es treffe sehr viele Leute, nicht nur die Veranstalter.

Buffo Völker bei| Night of Light in Landsberg.
Bild: Philipp Altheimer

Zahlen dazu gibt es auf der „Night-of-Light“-Seite: Die Veranstaltungswirtschaft sei einer der größten Sektoren der deutschen Wirtschaft mit rund einer Million Beschäftigten, Jahresumsatz: 130 Milliarden Euro. Rechne man die Kultur- und Kreativwirtschaft und Zulieferer hinzu, komme man auf 300.000 Unternehmen in 150 Disziplinen mit mehr als drei Millionen Menschen und einem Jahresumsatz von 200 Milliarden Euro.

Landsberg: Ein flammender Appell der Veranstalterszene
17 Bilder
Roter Lech "Night of Light" in Landsberg
Bild: Julian Leitenstorfer

Einer davon ist der Landsberger Marc Greiss. Der 41-Jährige ist „solo-selbstständiger“ Tontechniker. „Ich mache unter anderem Sounddesign, das heißt, ein Beschallungskonzept für Messestände.“ Messen finden derzeit jedoch nicht statt. Als Tontechniker ist er in normalen Zeiten auch bei großen Konzerten beschäftigt, bei Musikern wie „Nena, Fanta4, LaBrassBanda, Rea Garvey undjetzt von 100 auf null seit Mitte März, man hängt in der Luft.“

Grundsicherung ist beantragt

Vereinzelt sei er in seinem Tonstudio tätig, doch auch diese Dienstleistung werde kaum abgefragt. Er habe die 5000 Euro Soforthilfe erhalten. „Das hat kurz geholfen für die Betriebskosten“, erzählt Greiss. Momentan lebe er von den Rücklagen, das Geschäft mache minus. Studiomiete, die Finanzierung des Equipments und Versicherungen müssten weiter gezahlt werden. Er hat jetzt Grundsicherung beantragt, aber noch keine Antwort erhalten. „Es ist ein komisches Gefühl.“


Besser hat es da der 30-jährige Benedikt Resch. Denn er arbeitet zwar teilweise als freischaffender Veranstaltungstechniker, ist aber auch beim Landsberger Stadttheater angestellt. Er ist am Flößerplatz aus Solidarität. „Wir machen es nicht wegen der Kohle, sondern aus Liebe zu Veranstaltungen“, beschreibt er die besondere Atmosphäre in dieser Branche. Rot angestrahlt sind Lokale in Landsberg wie das Moritz, die Sonderbar und das Zimmer, sowie weitere Bauwerke im Landkreis wie die Ritterarena in Kaltenberg, der Sprungturm im Strandbad Utting oder Buffo Völkers Haus in Hechenwang.

Sandra Wiedemann vor der rot angestrahlten Sonderbar.
Bild: Julian Leitenstorfer.

An der Sonderbar arbeitet Sandra Wiedemann in dieser Nacht im Service. Weil es ihr Spaß macht, bedient die 27-jährige Landsbergerin schon seit Jahren dort, wie sie erzählt. Die junge Frau ist jedoch auch Meisterin für Veranstaltungstechnik und in diesem Metier im Augenblick beschäftigungslos. Normalerweise mache sie die technische Leitung oder Projektleitung von Messen oder auch Open-Airs hauptsächlich in München. Auch sie hat Soforthilfe für die Betriebskosten bekommen, lebt jetzt aber vom Ersparten.

Sie beschäftigt die Unsicherheit, wann es in ihrer Branche weitergeht. Nicht nur die Veranstalter und Techniker seien betroffen – von der Security-Firma, über den Caterer bis zum Eiswürfelproduzenten litten die Firmen darunter, dass es derzeit keine Großveranstaltungen gebe. „Wenn du in dieser Branche bist, machst du’s aus Leidenschaft“, beschreibt sie das Umfeld als „kleine Familie“. „Ich hoffe, dass alle Kollegen überleben.“

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