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Landsberg

14.07.2020

Landsberger Filmemacher in Zeiten von Corona

Das Foto zeigt eine Szene aus der Kurzfilm-Satire „Coronoia“ mit Antje Nikola Mönning (links) und Marina Anna Eich.
Bild: wtp Filmteam

Plus Die strengen Auflagen beim Drehen frustrieren viele Filmschaffende. Drei Schauspielerinnen aus dem Landkreis Landsberg haben ihren Pandemie-Alltag in der Kurzfilmsatire „Coronoia“ verarbeitet.

„Und jeden Tag fragt mich meine Oma: Ja, ist denn immer noch Corona!“ Das Lachen bleibt einem beim Betrachten des neuen Kurzfilms „Coronoia“ der Filmemacher von wtp international in diesem Moment im Hals stecken. Zu ernst ist das Thema der über sechs Minuten langen Satire über die Menschlichkeit in Zeiten der Pandemie. Es ist ein Projekt zwischen den Projekten, nicht geplant und auch nicht von allen wtp-Filmschaffenden gleich geliebt. Das LT hat mit dem Filmteam über das Arbeiten in Corona-Zeiten gesprochen.

Die Filmcrew rund um Regisseur Roland Reber lebt im Landkreis Landsberg und produziert hier Filme über Menschen am Rand der Gesellschaft. Sexualität und Erotik spielen in ihren Produktionen eine große Rolle. Dieses Mal hat Regisseur Roland Reber die Mitarbeit an dem Kurzfilm verweigert. Er habe das durchgezogen, weil die Umstände und Vorgaben, die seitens der Regierung für Filmproduktionen festgelegt wurden, ihn dermaßen ärgern, dass er das, was er am liebsten tut, nämlich Filme machen, in diesem speziellen Fall ruhen ließ. „Ich inszeniere nicht über ein Telefon.“ Er spreche auch nicht mit Kollegen durch eine Plexiglasscheibe und parke Schauspieler nicht in Pausen wie Autos auf markierten Flächen, wo sie ihr selbst mitgebrachtes Essen zu sich nehmen. Das aber sind Vorgaben, unter denen derzeit Filme entstehen müssen. Roland Reber: „An einem Set, wo alle ständig darauf achten, niemandem zu nahe zu kommen, kann keine intime Atmosphäre entstehen.“ Eine solche sei aber „für eine menschliche Inszenierung unumgänglich“.

Der Regisseur gehört selbst zur Risikogruppe

Doch „Coronoia“ hat trotzdem das Licht der Welt erblickt. Verantwortlich dafür sind Antje Nikola Mönning, Mira Gittner und Marina Anna Eich. Sie erleben derzeit mit, wie Kollegen über 60 Jahre plötzlich keine Engagements mehr bekommen. Antje Nikola Mönning: „Den älteren Menschen der Gesellschaft wird die Selbstbestimmung verweigert, indem man sie zur Risikogruppe macht.“ Roland Reber, Regisseur und Produzent im Team, gehört nach einem Schlaganfall vor fünf Jahren selbst zur Corona-Risikogruppe. „Sollen wir ihn nun wegsperren? Einen Menschen, der zwar im Rollstuhl sitzt, aber geistig aktiv und kreativ ist?“ Auf alle Fälle unterstützte Reber die Dreharbeiten seiner Schützlinge. Das Ergebnis gefällt ihm gut.

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Da wären wir wieder bei den Corona-Regeln: So soll in Szenen, die Nähe fordern, eine Plexiglasscheibe zwischen die sich annähernden Gesichter gehalten werden. Die könnte ja dann im Schnittraum wegretuschiert werden. Erotische Szenen, amüsiert sich nicht nur Antje Nikola Mönning, sollten möglichst mit dem eigenen Partner zu Hause gedreht werden. Später könnten ja dann die Gesichter durch Computerbearbeitung ausgewechselt werden.

Das Filmteam mit (von links) Antje Mönning, Roland Reber, Marina Anna Eich und Mira Gittner.
Bild: Thorsten Jordan

Für das Team, das für reichlich Freizügigkeit in seinen Filmen bekannt wurde, war das schon Realsatire genug. Die Idee zu „Coronoia“ war geboren. Kamerafrau und Produzentin Mira Gittner: „Wir wollten mal sehen, ob es möglich ist, derart eingeschränkt einen Film der Menschlichkeit zu drehen.“ Auch wenn sie als ohnehin kleines Filmteam in der Lage seien, „rund 90 Prozent der Auflagen zu erfüllen“, ließen sie ihrer Kreativität freien Lauf. Die drei Schauspielerinnen überspitzen Vorschriften wie die zur Hygiene, indem sie zum Beispiel überdimensionale, transparente Plexiglasröhren als Masken tragen. Ständig wird am Set desinfiziert, die eingangs erwähnte Plexiglasscheibe kommt auf einer Parkbank zum Einsatz, trennt die Lippen corona-konform beim Kuss.

Auch Humphrey Bogart (Marina Anna Eich) darf in memoriam mitwirken. Angesichts der Regel, sich beim Dialog nicht zu nahe zu kommen, spricht er/sie den berühmten Casablanca-Satz „Ich schau dir in die Augen, Kleines“ – und blickt gleichzeitig von der Partnerin weg in die entgegengesetzte Richtung. Gewürdigt wurde die Arbeit inzwischen auch im Fernsehen. So widmete 3sat in seiner Sendung „Kino-Kino“ den Landsbergern gleich mehrere Minuten. Der Bayerische Rundfunk drehte ebenfalls einen Beitrag.

Ein neues Projekt in Aussicht

Dennoch sehen die Filmemacher aus dem Landkreis auch viel Positives in schweren Zeiten entstehen. Mira Gittner: „Es sind tolle Projekte, die eigentlich sogar in die Filmförderung sollten.“ Aus der Notlage heraus hätten Kollegen mit viel Fantasie kreative Ideen umgesetzt. Sie selbst hätten bislang die Zeit genutzt, ihre Verwaltung auszumisten, Ideen neu zu besprechen und Projekte vorzubereiten. Eines davon geistert schon seit 2002 in ihren Köpfen umher. Mira Gittner: „Auch wenn das ’Hotel der verlorenen Träume’ vielleicht nach Corona-Thema klingt, hat es aber nichts damit zu tun.“ Dann möchte auch Roland Reber wieder aktiv Regie führen – wenn er nicht mehr auf Plexiglas-Trennscheiben und ähnliche Auflagen Rücksicht nehmen muss.

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