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Leeder

12.05.2019

Leeder: So lebt die Ururnichte von Mendelssohn-Bartholdy

Maria Schütze-Bergengruen lebt in einem ehemaligen Bauernhaus in der Dorfmitte von Leeder. Die 90-Jährige ist die Tochter des Schriftstellers Werner Bergengruen und Ururenkelin der Komponistin Fanny Hensel.
Bild: Julian Leitenstorfer

Maria Schütze-Bergengruen aus Leeder hat nicht nur berühmte Vorfahren und Verwandte. Auch ihre Lebensgeschichte ist spannend. Noch heute arbeitet die 90-Jährige am Computer.

Mitten im Dorf, zwischen Rathaus, Dorfbrunnen und Luitpoldsaal, steht ein ehemaliges, gepflegtes, nicht sonderlich auffallendes Bauernhaus. Ein ortstypischer Langbau, der sich in die Umgebung einpasst. Nichts Besonderes also? Von wegen! Die wahren Schätze offenbaren sich im Innern des Gebäudes. Vom mit großen sandfarbenen Platten ausgelegten Flur geht es neben der Haustür in die „Gute Stube“. Der Raum ist dunkel holzvertäfelt. Auch Tisch und die aus alter Zeit und verschiedenen Epochen stammenden Stühle und Sessel sind dunkel. Hier, inmitten von Andenken und Erinnerungen, zwischen hochherrschaftlichem Ambiente und Dingen des einfachen Lebens, wohnt Maria Schütze-Bergengruen.

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Hier empfängt die 90-jährige, agile, hellwache Dame ihre Gäste. Dass sie eine interessante Vergangenheit hat, beziehungsweise eine hochherrschaftliche Ahnengalerie zwischen Geldadel, Bildungsbürgertum und produzierender Kunst vorweisen kann, das hängt sie nicht an die große Glocke. Das erfahren Besucher, wenn sie sich für die Historie wirklich interessieren. Maria Schütze-Bergengruen ist Tochter des Schriftstellers und Journalisten Werner Bergengruen, Enkelin des Mathematikers Kurt Hensel („Henselsche Ringe“), Ururenkelin der Komponistin Fanny Hensel, einer Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy. Dazu kommen im Verwandtenkreis weitere Erfinder, Gründer, Fabrikanten, Künstler.

Die Eltern zogen früh nach Bayern

Maria kam 1928 als drittes von vier Kindern des Ehepaars Werner und Charlotte (geborene Hensel) Bergengruen in Berlin zur Welt. 1936 zog die Familie nach München um. „Unser Vater war die treibende Kraft“, erinnert sich Maria, „er wollte katholisch werden und sah in Bayern mehr Erfolg dafür. Uns Kindern wurde nichts darüber gesagt.“ Manch komisches Erlebnis, manche Verwechslung habe darin den Ursprung. So habe sie sich in der Schule in der Reihe mit den evangelischen Schulkameraden angestellt und musste unter dem Gejohle der Mitschüler die Seite wechseln.

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„1942, während der ersten Angriffswelle auf München, flog eine Bombe auf unser Haus und machte es unbewohnbar.“ Die Familie wurde evakuiert, Maria erlebte weiteres Kriegsgetümmel im Landerziehungsheim „Birklehof“ in Hinterzarten. „Die Zeit im Schwarzwald hat mich sehr geprägt“, sagt sie heute über den Aufenthalt in dem Ableger des Internats Schloss Salem. Gründer und Initiator beider Einrichtungen war gemeinsam mit Max von Baden, der Erlebnispädagoge Kurt Hahn, ein Vetter von Marias Mutter. Nach Kriegsende machte Maria ihr Abitur in München und arbeitete zunächst in einer philologischen Bibliothek.

Ihre Doktorarbeit brachte sie nie zu Ende

Als die Eltern in Rom lebten, ging auch Maria für ein Jahr in die Ewige Stadt. „Ich hab dort bei der Archäologin Hermine Speier gewohnt.“ Speier war eine während des Dritten Reichs aus Deutschland emigrierte Jüdin, die bis zu ihrer Pensionierung als eine der ersten Frauen im Vatikan für drei verschiedene Päpste gearbeitet hat. Während der Zeit in Rom hat Maria Gefallen an Archäologie gefunden. Sie studierte das Fach in Heidelberg, begann eine – nie vollendete – Doktorarbeit. „Ich kam mit dem Thema nicht zurande“, sagt Maria heute über „Tor und Tür in der griechischen Antike“. Sie lernte ihren späteren Mann kennen, gebar vier Söhne, trennte sich früh von dem Architekten, der Cembali und weitere historische Tasten-/Zupfinstrumente baute. Die Söhne zog sie allein groß, arbeitete am Max-Planck-Institut, unter anderem digitalisierte sie dort die Bibliothek.

Der Garten ist eine Ruheoase

In Leeder lebt Maria Schütze-Bergengruen seit 1995. Grund für die Übersiedlung nach Bayern war der in München lebende Sohn Lorenz. Er wohnt mittlerweile auch in Leeder, in dem schmucken alten Haus mit dem stillen Garten als Ruheoase. Pensionierung oder Ruhestand - für Maria Schütze-Bergengruen scheinen das Fremdwörter zu sein. „Mein Vater, zu dem ich immer ein sehr enges Verhältnis hatte, hat 26 Bände Handschriftliches zurückgelassen“, erzählt sie.

„Hans Magnus Enzensberger hat das Sammelsurium ‚Allerleirauh’ genannt, wir haben uns mittlerweile für ‚Compendium Bergengruenianum“ entschieden. Die Texte habe ich in den vergangenen vier Jahren in Ordnung gebracht und zum Teil in den Computer übertragen. Ein Teil wurde an einen Germanisten an der Uni Heidelberg gegeben, der die Arbeit wiederum an seine Studenten übertragen sollte.“ Mittlerweile sei alles so weit gediehen, dass gedruckt werden kann. Allerdings fehlt laut Schütze-Bergengruen trotz eines guten Zuschusses der Werner-Bergengruen-Gesellschaft noch etliches an finanziellen Mitteln.

Viele Texte müssen noch aufgearbeitet werden

Doch aufgearbeitet ist noch längst nicht alles. Maria Schütze-Bergengruen nimmt sich dem Alter angemessen Ruhezeiten, um umso frischer wieder am Schreibtisch im ersten Stock des Hauses in Leeder, gleich neben ihrem Bett, Platz zu nehmen. Schließlich müssen weitere Texte aufgearbeitet und in Form gebracht werden und ist die riesige Bibliothek mit vielen Büchern das Vaters und noch mehr Reise- und Länderbeschreibungen zu pflegen. „Möchten Sie wissen“, meint die Seniorin verschmitzt, „wem der Schreibtisch mal gehört hat?“ Dem Hygieniker Max von Pettenkofer.

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