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Landsberg

19.04.2017

„Man kann die doch nicht ertrinken lassen“

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Der Kutter der Regensburger Flüchtlingsinitiative "Sea Eye" bricht am Samstag erneut in Richtung Libysche Küste auf, um Flüchtlingen in Seenot zu helfen. An Bord der Landsberger Kapitän Claus-Peter Reisch.
Bild: dpa/Bernd Wüstneck

Ein Landsberger fährt als nächster Kapitän auf dem Flüchtlings-Hilfsschiff Sea-Eye. Was ihn zu dieser Mission bewog.

Die Schlagzeilen der Weltpresse an Ostern waren eindeutig: Das Boot der Regensburger Organisation Sea-Eye treibt im Mittelmeer, auf halbem Weg zwischen Libyen und Italien. An Bord 210 Flüchtlinge, die von der Crew des grünen Hilfsbootes von einem der windigen Flucht-Schlauchboote bei schwerer See übernommen. Inzwischen hat die Sea-Eye die Flüchtlinge in Sicherheit bringen können und lief gestern vorzeitig den Hafen auf Malta an. Dort wird sie überholt und dann geht der nächste Kapitän an Bord: Claus-Peter Reisch aus Landsberg.

Er gibt es zu: Ein wenig Anspannung verspürt er schon vor dem Abflug nach Malta, nachdem sich am Samstagabend die Ereignisse auf der Sea-Eye derart zugespitzt hatten. „Ich hab plötzlich einen ganz intensiven Eindruck, was alles auf uns zukommen könnte.“ Uns, damit meint er sich und seine achtköpfige Crew, die in der Nacht zum Samstag an Bord des 26 Meter langen und 200 Tonnen schweren ehemaligen Fischkutters gehen wird.

Es ist die vierte Mission der privaten, gemeinnützigen Organisation Sea-Eye mit Sitz in Regensburg, die nun schon seit dem Frühjahr 2016 über 7000 Menschen aus Seenot gerettet hatte. Claus-Peter Reisch, am Ostermontag 56 Jahre alt geworden, war aus eigenem Antrieb auf die Oberpfälzer gestoßen, weil er das Gefühl hatte, etwas tun zu müssen. Lange schon beschäftigten den ausgebildeten Skipper – Reisch darf Sportboote in jeder Größe fahren – auf seinen Turns mit dem eigenen 12,5-Meter-Boot zwischen Sardinien, Sizilien und Griechenland die Frage, wie er wohl reagieren würde, wenn er auf dieser Route einem Flüchtlingsboot begegnen würde.

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Dramen spielten sich im Mittelmeer ab

Das war das eine, die eindringlichen TV-Bilder der Dramen, die sich im Mittelmeer abspielten, das andere. Die hatten ihn tief berührt und aufgewühlt, das Gefühl, helfen zu wollen, ließ ihn nicht mehr los: „Man kann die Menschen doch nicht so einfach ertrinken lassen.“ Dann nämlich würde man sich auf eine Stufe stellen mit den Schleusern, die mehr als menschenverachtend die Verzweiflung der Flüchtlinge ausnutzen. Die Schlauch- oder Holzboote, die sie zur Flucht über das Mittelmeer nutzen, seien „One-Way-Boote“, also von der Beschaffenheit her nicht zur Wiederkehr oder gar für eine sichere Ankunft ausgerichtet und ausgerüstet: „Die haben drei Benzinkanister dabei, die keineswegs für die 200 Seemeilen ausreichen, die zurückgelegt werden müssen.“ Wie brutal die Schleuser dabei vorgingen, beweisen zahlreiche Schussverletzungen der Flüchtlinge.

Also füllte Claus-Peter Reisch im Winter 2016 ein Crew-Formular aus und wurde ausgewählt. Vor 14 Jahren machte er seine Ausbildung auf dem Starnberger See, inzwischen besitzt er den SSS-Schein, den Führerschein für Yachten mit Motor und unter Segel in küstennahen Seegewässern (alle Meere bis 30 Seemeilen). Anfang Februar erfolgte dann das erste Crew-Treffen, ein Eintagesseminar in Regensburg. Wichtiger Bestandteil war aber auch das persönliche Kennenlernen der Crew-Mitglieder, von denen jeder neben der Motivation seine Erfahrungen, sein Können und seine Fähigkeiten einbringe. Claus-Peter Reisch: „Zu meinem Team gehört zum Beispiel eine Ärztin, ein Oberbrandmeister, ja sogar ein Postbote im Ruhestand oder ein Koch.“

Zwei Wochen werden sie auf See sein, ob sie tatsächlich auf Flüchtlingsboote treffen, sei nicht vorherzusehen: „Die ersten beiden Missionen hatten überhaupt keinen Kontakt.“ Die dritte und jüngste Mission dafür ums mehr. Claus-Peter Reisch berichtet von einer Extremsituation, der seine Vorgänger-Crew ausgesetzt war. Das erste Ziel sei nämlich die Versorgung der Flüchtlinge in deren Boot mit Schwimmwesten und, falls erforderlich, mit Trinkwasser. Dazu hat die Sea-Eye knapp 1000 Rettungswesten an Bord, die der Organisation von „Marinepool“ zum Matrialpreis überlassen wurde plus einer Spende von zehn Babywesten.

Am Ostersamstag sei nun aber das Wetter so schlecht gewesen, das Mittelmeer so stürmisch, dass die Sea-Eye plötzlich 200 Menschen an Bord nehmen musste. Für den Kapitän eine Sekundenentscheidung. So etwas könne im Vorfeld kaum geschult werden, da sei einfach eine gehörige Portion Pragmatismus vonnöten. Den nimmt er für sich in Anspruch. Nur so ist auch zu erklären, dass der gelernte Kfz-Mechaniker und zuletzt Unternehmer im Installations- und Sanitärbereich auch seine Hochseeangel mit im Gepäck hat: „Nicht, um Urlaub zu machen, sondern um die vielleicht etwas einseitige Bordküche wenn möglich mit frischem Fisch aufzubessern.“ Die Sea-Eye-Crew sei zwar mit dem Nötigsten versorgt, arbeitet aber sonst ehrenamtlich. Flug und Ausrüstung finanziert Claus-Peter Reisch selbst.

Wenn er heute Abend in Malta landet, hat er sein erklärtes Ziel fest vor Augen: „Die oberste Maxime muss sein, dass die Crew-Mitglieder nach den zwei Wochen gesund und wohlbehalten wieder im Heimathafen einlaufen.“

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