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Dießen

13.01.2019

Misses Hagelüken und ihre allseits beliebten Englischkurse

Mit einem großen Blumenstrauß wurde Zoja Hagelüken in den Ruhestand entlassen. Die 76-Jährige gab über 40 Jahre an der VHS englische Konversation.
Bild: Bernd Schielke

Mehr als 40 Jahre lang gab Zoja Hagelüken an der Volkshochschule in Dießen Englischunterricht. Wie die gebürtige Lettin zur Muttersprachlerin wurde.

Die Dießener Volkshochschule (VHS) hatte vor über 40 Jahren einen wahren Glücksfang gemacht. Und zwar mit einer gebürtigen Lettin: Zoja Hagelüken. Sie unterrichtete ab 1976 an der Lehreinrichtung – nicht in ihrer Muttersprache, sondern die Weltsprache Englisch. In dieser Woche hat sie nun ihre letzte Unterrichtsstunde gegeben, denn mit 76 Jahren geht sie nun in den Ruhestand. Für viele ihrer „Students“ ein wehmütiger Abschied. Mit einem Blumenstrauß bedankten sie sich nun noch einmal bei ihrer „Lehrerin“.

Viele Deutsche geben als erste Fremdsprache gerne Englisch an, beinahe ebenso viele scheitern aber dann häufig mit ihren in der Schule erlernten Fähigkeiten. Wie muss ich mir einen Toast bestellen? Wie buche ich ein Hotelzimmer? Was muss ich bei einem Restaurantbesuch beachten. Ist meine Aussprache auch annähernd verständlich? Das sind eigentlich die klassischen Fragen, die sich im Alltags-Gebrauch einer Fremdsprache ergeben.

Die Familie flüchtete nach dem Zweiten Weltkrieg nach Kanada

1943 in Riga geboren, floh Zoja Hagelüken mit ihren Eltern 1948/1949 nach Kanada. Die Russen hatten nach dem Zweiten Weltkrieg die Macht in Lettland übernommen. Die Intellektuellen hatten es schwer unter den neuen Machthabern. Ihre Eltern – die Mutter Juristin, der Vater in der Verwaltung tätig – beschlossen daher, ein neues Leben in Nordamerika zu beginnen. Die begabte Zoja akklimatisierte sich ohne Probleme. Im Gegenteil: Sie übersprang in ihrer neuen Heimat gleich zwei Klassen, mit 17 Jahren gehörte sie zu den jüngsten Studentinnen an der University of London in Ontario. Sie immatrikulierte sich für Journalistik und Politik.

Von Ontario, so erzählt sie, übersiedelte sie nach Deutschland. Ihre ältere Schwester, die bereits in München wohnte, war ihr erster Kontakt in die bayerische Landeshauptstadt. Dort arbeitete sie bei Radio Liberty, ein vom Kongress der Vereinigten Staaten finanzierter Sender, der seinen Sitz in Prag hatte, während des Kalten Krieges aber in München angesiedelt war. 1976 zog sie dann nach Riederau. Englisch schien aber Mitte der 70er-Jahre am Ammersee nicht der Renner gewesen zu sein. Zoja Hagelüken jedenfalls startete anfangs mit nur drei Schülern. Davon ließ sie sich jedoch nicht entmutigen. Sie bot Unterricht am Augustinum in Dießen an und auch an der Volkshochschule Herrsching war sie sehr engagiert.

Seit den 70er-Jahren lebt sie in Riederau

Offenbar sprach sich die Qualität der gebürtigen Lettin schnell herum. So wurde sie von der Finanzschule in Herrsching als Englischlehrerin gebucht. Als sogenannte „Nativ-Speakerin“, also Muttersprachlerin, achtete sie bei ihren Schülern darauf, dass sie möglichst ohne Scheu sprechen. Selbst wenn so mancher Versuch grammatikalisch mal in die Hosen ging, ermutigte Hagelüken ihre Schüler unermüdlich und mit viel Geduld, weiterzumachen.

Auf Lehrbücher verzichtete sie seit dem Jahr 2000 komplett. Lerninhalte waren fortan das politische Geschehen in ihrer früheren Heimat Kanada. Aber auch über Irland, England und den USA informierte und besprach dieses mit den Schülern. Frontalunterricht gehörte dabei nicht zu ihrer Lehrmethode. Vielmehr machte sie das Lernen durch Lernspiele leicht. Jeder kam dran, keiner wurde übersehen, schildern ihre ehemaligen Schüler. Besonders liebten die Kursteilnehmer den „White Elephant“ vor Weihnachten. Das ist das englische Gegenstück zu unserem Wichteln. Vor einigen Jahren organisierte Hagelüken sogar Reisen nach London und nach Irland.

Einige Kursteilnehmer sind Stammgäste

Gerne las sie englischsprachige Gedichte vor und versuchte, das Interesse für die Literatur zu wecken. Ihr ist es letztlich auch zu verdanken, dass im Dießener Kino regelmäßig Filme in englischer Originalfassung zu sehen sind. Auch Theaterabende im Amerikahaus in München standen auf dem Programm. Für manche ihrer „Students“ kam der Englischunterricht bei Zoja Hagelüken beinahe einer Lebensaufgabe gleich. Einige besuchten die Kurse bereits seit 30 Jahren. Bis 2015 gab sie vier bis fünf Kurse pro Woche. Seit 2015 hatte sie die auf drei zurückgefahren.

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