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Landsberg

12.11.2017

Mit Leib und Seele Sängerin

Das Konzert „I Know I Dream“ mit Stacey Kent und Jim Tomlinson (Saxophon, Flöte) im Landsberger Stadttheater.
Bild: Julian Leitenstorfer

Stacey Kent gehört zu den Jazzgrößen und überzeugt mit Individualität. Souverän und dennoch voller Melancholie.

Wenn Hildegard Knef, wie einst Ella Fitzgerald behauptete, eine der besten Sängerinnen ohne Stimme war und Sassy (Sarah Vaughan) laut Siegfried Schmidt-Joos neben Billie Holiday und Ella Fitzgerald zur heiligen Dreifaltigkeit des Jazzgesangs schlechthin gehörte – wo steht dann Stacey Kent?

In dem fast unüberschaubaren Reigen an zeitgenössischen Jazzsängerinnen gibt es höchstens eine gute Handvoll von ihnen, die stimmlich zu den ganz Großen der Branche zählen. Und Stacey Kent ist mit Sicherheit eine von ihnen. Obwohl sie weder wie Hildegard Knef noch wie Sarah Vaughan klingt, nicht wie Ella Fitzgerald und schon gar nicht wie Abbey Lincoln phrasiert. Aber gerade das macht die Amerikanerin Kent so besonders: Ihre Individualität und ihr musikalisches Gespür für Songinhalte. Wer am Samstag Abend im Landsberger Stadttheater war, der hat eine ungefähre Ahnung davon, was hier gemeint ist.

Auftritt mit Quintett

Stacey Kent trat mit ihrem derzeitigen Quintett auf, einer Formation von Instrumentalisten, die die Kunst der Einfühlung perfekt beherrschen und der Sängerin einen musikalischen Teppich unterlegten, der ihr alle stimmlichen Facetten erlaubte, die sie sich im Laufe der Jahre hart erarbeitet hat. Und trotz all der zurückliegenden Mühen besticht sie mit einer vokalen Leichtigkeit, einer flirrenden Souveränität und Ausstrahlung, die sofort unter die Haut gehen. Es ist vollkommen egal, ob sie eigene Songs singt oder die Standards der amerikanischen Populärmusik interpretiert.

Das gerade erschienene Album „I Know I Dream“, in großer Besetzung mit dem Changing Light Orchestra eingespielt, diente ihr zum Auftakt einer weltweiten Tournee, was die Repertoireauswahl betrifft, als Handlauf. Sie nimmt sich aus der jüngeren Musikgeschichte, was ihr gefällt: Swing und Blues, Samba und französische Chansons, Folk und Pop. Dazu schreibt Jim Tomlinson, Saxofonist, musikalischer Direktor, Produzent und Ehemann in Personalunion, neue Songs, man könnte meinen: Stacey Kent auf die Haut.

Dabei betritt die 1968 in South Orange, New Jersey, geborene mit ihrer vokalen Kunst kein klangliches Neuland. Aber wie sie diese bunt zusammengestellte Mischung fast durchgehend in mittleren Lagen verfeinert, mit welcher scheinbaren Mühelosigkeit sie die schwierigsten notierten Vorlagen stimmlich umsetzt, das ist einfach exzellent.

So unaufgeregt wie pointiert

So unaufgeregt wie pointiert. Und dann wäre da noch ihr Anspruch, Balladen lebendig zu gestalten. Sie beherrscht diese Kunst virtuos, obwohl Virtuosität in diesem Fall bedeutet, dass sie mit allen Möglichkeiten einer kontrollierten Langsamkeit sämtliche Emotionen aus den Songs holt und in sie hineinlegt.

Diese stille Hingabe löst Hochspannung aus. Es ist eine Radikalität nach innen! Kraftmeierei klingt anders. Und anschließend eine temperamentvolle Bossa-nova-Nummer vom unsterblichen Antonio Carlos Jobim. Diese Gegensätze klingen bei ihr glaubhaft, sind zwei Seiten einer Medaille. Souverän und doch voller Melancholie.

Man spürt: Stacey Kent ist in ihrem Tun mit Leib und Seele Sängerin und sie gehört bei Weitem nicht in die Kategorie „Diva“. Ihre ganze Bühnenpräsenz strahlt eine zurückhaltende Feinfühligkeit aus, die durch die sparsame Art ihrer Gestik noch unterstrichen wird. Und wenn sie zwischendurch Teile ihres Programms in deutscher Sprache moderiert, dann zeigt auch dies, dass große Kunst nicht unbedingt ein übersteigertes Ego braucht.

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