Dießen

05.05.2015

Mit Resten von Humor

Dr. Thomas Raff mit einer Karikatur, die Deutschland im Ersten Weltkrieg in der Figur des Heiligen Georg zeigt, der unter anderem gegen Briten (Krokodil) und Russen (Bär) kämpft.
Bild: Andreas Frey

Der Kunsthistoriker Thomas Raff zeigt, wie sich das Satireblatt „Simplicissimus“ in den Dienst der nationalen Sache stellte

Vor rund 70 Zuhörern im „Maurerhansl“ berichtete der Vorsitzende des Dießener Heimatvereins von der „berühmten Redaktionskonferenz“ am Verlagsort in München. Thomas Theodor Heine, laut Raff eine „Hauptkraft“ des Blattes und bald auch Mitherausgeber, soll dann die Richtung vorgegeben haben: „Wir müssen uns jetzt auf die nationale Sache einstellen.“ Raff ließ gelten, dass die Zeichner und Redakteure wohl auch ihr finanzielles Überleben im Blick gehabt haben konnten, denn der Simplicissimus war ein Nischen-Arbeitgeber, für den es keinen Ersatz gegeben hätte. Gleichwohl merkte der Kunsthistoriker an: „Das ist kein Ruhmesblatt für den Karrieristen T. T. Heine, und ich werde auch sicher keinen Heiligen aus ihm machen.“

Statt spitziger Zeichnungen gegen das deutsche Militär wendete sich die spitze Feder nun also gegen die „Feindstaaten“, wie Raff anhand zahlreicher Bildquellen belegte. Da gab es die Zeichnung, in der Deutschland – personifiziert als „Ritter Georg“ – dem russischen Bären eine blutende Wunde schlug, während die Briten – symbolisiert als verschlagenes Krokodil – um Gnade bettelten. Noch deutlicher wurde die überhebliche deutsche Selbstwahrnehmung in der Metapher des deutschen Heeres als einer Dampfwalze vor Paris. Das war schon keine Siegeszuversicht mehr, das war Siegesgewissheit. Dazu erwähnte Raff auch die kuriose Anekdote rund um die erste Augustnummer 1914, die noch regierungskritisch war – und von der die Redaktion versprach, dass sie „nur kurz zurückgehalten“ und gleich nach dem Sieg ausgeliefert werde. „Hier erwartete man wirklich, Weihnachten 1914 wieder zu Hause zu sein.“

Immer wieder blendete Raff in dem lebendigen Vortrag in die Jahre bis 1913 zurück, sodass sich ein eindrückliches Bild der redaktionellen Umorientierung erschloss. Waren in den Friedensjahren noch die vielen Militärmanöver Gegenstand der kritischen Karikaturen und erschienen als eine Belastung der Bauern, sicherte jetzt eine gerüstete Rittershand die heimatliche Flur.

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Kurz streifte Raff auch die Veränderung der Wortbeiträge. Dabei ergingen sich die Simplicissimus-Autoren in schwülstigen Lobeshymnen auf den Krieg. „Du brachst uns den Dämmer, der uns umschloss“, wurde da auf den Kampf gedichtet. Auch Tiraden gegen die Nachbarvölker kamen auf: „Belgier sein: es gibt hinfort kein’ schlimmern Fluch!“ Die Schuld am Kriegsausbruch den anderen Staaten zuzuschanzen „sollte der Moral aufhelfen“, sagte Raff und konstatierte: „Dennoch blieben gewisse Reste von Humor.“

Es gab aber auch subtile Botschaften

Besonders auffällig war ab 1917 die Häufung der Karikaturen, welche den großen Industrie-Magnaten ein Interesse an der Fortführung des Krieges unterstellten. So konnte die Zeitschrift an der Zensur vorbei die subtile Botschaft vermitteln, dass die einfachen Leute eigentlich keinen Sinn mehr im Weiterkämpfen sahen. „Ich mein, dass der Franzos’ sich jetzt genau das Gleiche gewünscht hat wie wir“, hieß es unter einer Zeichnung mit bayerischen Soldaten, die in ihrer Frontstellung einer Sternschnuppe nachblickten.

Raff schlug noch den Bogen zur Herkunft des Vortragstitels. „Mit voller Lungenkraft blies er in die Kriegsposaune“: Dies stamme aus dem Buch „Ich warte auf ein Wunder“ von Thomas Theodor Heine, veröffentlicht 1941 im Stockholmer Exil. Das Manuskript dieses Romans habe er kürzlich in den USA aufgespürt und für die Literaturgesellschaft „Monacensia“ an die Isar geholt, sagte Raff nicht ohne Stolz.

Das Buch spreche ebenfalls von einer Redaktionskonferenz zu Kriegsbeginn, allerdings mit negativem Schlaglicht auf die kriegsbegeisterte Karikatur. „Da sehe ich schon eine diskrete Selbstkritik drin“, sagte Raff und leistete damit eine Ehrenrettung für den Zeichner, der von 1917 bis 1933 in Dießen in der Nähe des Augustinum-Hallenbades gelebt hatte, bevor ihm in der NS-Zeit die politische Verfolgung drohte. „Heine fühlte sich offenbar an diesem ersten Sündenfall des Simplicissimus schuldig.“

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