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Nahrung

28.10.2014

Mit Vollgas in die Milchkrise?

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Wachsen oder weichen: Seit Jahren gilt nach Angaben vieler Bauern bereits dieses Prinzip. Wer seinen Betrieb nicht kontinuierlich vergrößert, habe keine Chance, am Markt zu bestehen.
Bild: leit (Symbolfoto)

Im kommenden Jahr wird der Markt liberalisiert. Landwirte fürchten, dass das für viele kleinere Betriebe das Aus bedeuten könnte. Schon jetzt sind viele von ihnen am Limit.

Manchmal würde Hermann Dempfle wahrscheinlich gern einen Blick in die Zukunft werfen. Erfahren, ob der Milchpreis steigt. Wissen, wie der Markt sich entwickelt. Und sicher sein können, dass sein Sohn auch in 20 Jahren noch von der Landwirtschaft leben kann. Vor drei Jahren hat Dempfle seinen Hof in Rott an den Sohn übergeben. Aber ob man jemandem heutzutage damit etwas Gutes tut, sagt der 57-Jährige, das sei eine andere Frage. „Man weiß ja nicht mehr, in welche Richtung die Landwirtschaft geht.“

Seit er seinen Hof abgegeben hat, setzt sich Hermann Dempfle verstärkt für die Belange der Landwirte ein. Für die Bayernpartei sitzt er seit diesem Jahr im Kreistag, außerdem ist er Kreisvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM). Der Verband kämpft seit Jahren für einen höheren Milchpreis. Die Bauern haben immer wieder demonstriert, haben symbolische Milchseen vor das Kanzleramt gekippt und Butterberge aufgestapelt. Wie der Milchmarkt seiner Meinung nach aussieht, beschreibt Hermann Dempfle mit einem Satz: „Wir rauschen mit Vollgas in die nächste Milchkrise.“

Anlass für die Kritik des BDM ist in erster Linie die Agrarpolitik der Europäischen Union. Im kommenden Jahr wird zum 1. April die Milchquote abgeschafft, der europäische Milchmarkt wird also liberalisiert. Vorteil dieser Entscheidung, so die Befürworter, sei ein freier Wettbewerb, der Verbraucher müsse weniger für seine Milch zahlen. Hermann Dempfle sieht die Sache etwas anders. „Das ist eine reine Verdrängungssache“, sagt der Landwirt. Die kleinen Betriebe müssten schließen, die großen könnten weiter wachsen. Der BDM befürchtet außerdem, dass der Milchpreis bei einer völligen Liberalisierung des Marktes auf Weltmarktniveau absinkt. Viele Betriebe könnten dann nicht mehr kostendeckend wirtschaften und müssten die Milchviehhaltung aufgeben.

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BDM und Bayerischer Bauernverband kritisieren außerdem zwei geplante Vorgaben der EU: die neue Düngeverordnung und die Anlageverordnung. Erstere sieht unter anderem vor, dass an Hängen mit mehr als 15 Prozent Steigung keine Gülle mehr ausgefahren werden darf. Über die andere Verordnung sollen unter anderem strengere Auflagen für Jauche-Gülle-Siloanlagen durchgesetzt werden. „Irgendwann ist es dann fast unmöglich für uns, unsere Arbeit zu machen“, sagt Hermann Dempfle. Der BDM fordert deshalb von der Politik, ein ausreichendes Sicherheitsnetz für die Landwirte zu schaffen, dafür zu sorgen, dass der Milchmarkt im Krisenfall schnell stabilisiert wird.

Die Lage der Milchbauern habe sich in den vergangenen Jahren immer weiter verschlechtert, betont Landwirt Dempfle. Als er vor 25 Jahren den Hof in Rott übernahm, lag der Milchpreis bei 85 Pfennig, die Situation war gut. Heute ist nicht nur der Milchpreis niedriger, die Betriebskosten haben sich auch deutlich erhöht. So habe sich etwa der Strompreis verdoppelt, sagt Dempfle. Die Melktechnik sei teuer, neue Ställe für immer mehr Kühe würden ebenfalls ein Vermögen kosten.

Die Dempfles haben auf ihrem Hof in Rott 150 Kühe, sie beliefern mit ihrer Milch eine große Molkerei. Ihr Betrieb ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen. Anders, sagt Hermann Dempfle, gehe es nicht mehr. „Wachsen oder weichen“, sagt auch Christa Schuster. Sie betreibt mit ihrer Familie einen Milchviehhof in Hofstetten, auch sie ist im BDM aktiv. Aber auch Wachstum ist keine Universallösung. Denn mehr Kühe bedeuten auch immer mehr Arbeit. „Ein Landwirt arbeitet 80 oder 90 Stunden pro Woche, an 365 Tagen im Jahr“, sagt Hermann Dempfle. Meist habe er drei oder vier Nebenjobs, um zusätzliches Geld nach Hause zu bringen. „Wir müssen praktisch Tausendfüßler sein“, sagt seine BDM-Kollegin Christa Schuster. Das alles funktioniere noch, solange man 35 Jahre alt ist, betont Dempfle. Aber irgendwann müsse man auch mal an sich denken, fürs Alter vorsorgen. Sonst könnten die Belastungen auch schnell zu seelischen Problemen, zu Konflikten in der Familie führen. Und auch in der Dorfgemeinschaft macht sich die unsichere Lage der Landwirte bemerkbar. „Früher war fast jedes Gebäude in Rott ein Bauernhaus“, erzählt er. Die Landwirtschaft hat die Menschen im Ort verwurzelt, die Bauern haben einen Großteil der Mitglieder in der Feuerwehr und den Vereinen gestellt. „An diesem Milchpreis“, sagt Hermann Dempfle, „hängt einfach noch so viel mehr dran“.

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