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Landsberg/Göttingen

20.03.2019

Mordprozess: Im Horrorhaus lebte auch ein Rechtsextremist

In einem Horrorhaus in Niedersachsen soll ein Mann aus Landsberg einen anderen umgebracht haben.
Bild: Jens Grossmann (Symbolbild)

Dort, wo ein Landsberger einen anderen Mann ermordet haben soll, geschahen noch viele andere schlimme Dinge. Ein weiterer Zeuge sagt vor Gericht über den Okkultismus-Orden aus.

Im Prozess um eine zerstückelte Leiche in Katlenburg-Lindau (Niedersachsen) sind am Dienstag weitere Einzelheiten über den obskuren „Orden“ bekannt geworden, dem der Angeklagte und andere Bewohner des Mehrfamilienhauses angehört hatten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem aus Landsberg stammenden 28-Jährigen vor, Anfang Dezember 2017 an seinem damaligen Wohnort in südniedersächsischen Lindau einen 37-jährigen Wohnungsnachbarn aus Mordlust getötet zu haben.

Lesen Sie dazu auch: Prozess: Der mutmaßliche Mörder und das Geisterhaus

Das Haus, in dem die Tat stattfand, soll mehreren Zeugen zufolge damals dem Anführer jenes Ordens gehört haben. Von diesem fühlten sich offenbar nicht nur Menschen mit einem Hang zu Esoterik, Okkultismus und Verschwörungstheorien angezogen. Einer der Hausbewohner, der ebenfalls dem Orden angehörte, war ein bekennender Anhänger des Nationalsozialismus.

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Ein Sondereinsatzkommando nimmt einen der Bewohner fest

Im April 2017 hatte ein Sondereinsatzkommando der Polizei (SEK) den Rechtsextremisten in dem Haus in Katlenburg-Lindau festgenommen. Die Staatsschutzkammer des Landgerichts Braunschweig verurteilte den heute 23 Jahre alten Angeklagten im Dezember 2017 wegen Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Der Angeklagte hatte einen mit ihm befreundeten Islamisten dabei gefilmt, als dieser in einem Park in Northeim einen selbst gebauten Sprengsatz testete. Der Vorsitzende Richter verwies darauf, dass ursprünglich beide Angeklagte die Vorliebe für den Rechtsextremismus geeint habe.

Nach Angaben eines einstigen Hausbewohners, der am Dienstag als Zeuge aussagte, hatte der Rechtsextremist gemeinsam mit ihm die Aufnahmerituale des obskuren Ordens durchlaufen. Er selbst sei über ein Youtube-Video auf den Orden aufmerksam und Ende 2016 Mitglied geworden, sagte der Bundeswehrsoldat. Das Aufnahmeritual sei ähnlich wie eine Taufe gewesen. Die Anwärter hätten dabei verschiedene Stationen vom Keller bis zum Dachgeschoss des Hauses durchlaufen. Mit der Aufnahme habe jeder einen Ordensnamen bekommen, sagte der Zeuge. Er habe einen Namen aus einem Computerspiel übernommen, der 23-Jährige habe sich den Namen „Polarwolf“ gegeben.

Der Orden hatte einen Online-Shop

Der Bundeswehrsoldat fand die Gemeinschaft mit den Ordensmitgliedern so attraktiv, dass er ebenfalls eine Wohnung in dem Haus in Lindau mietete, mehr als 100 Kilometer von seinem Standort in Celle entfernt. Seinen Angaben zufolge gehörten sechs Hausbewohner dem Orden an. Der Chef des Ordens kassierte nicht nur die Miete, sondern betrieb auch einen Online-Shop. Für den Internet-Auftritt hätten sie in einem Lagerraum im Keller einen Altar hergerichtet, berichtete der Zeuge. Auf diesem Altar positionierten sie Produkte aus dem Online-Shop, insbesondere Schriftrollen, die laut der Gebrauchsanweisung im Internet dazu gedacht waren, als „Opfergabe“ verbrannt zu werden. Auf dem Altar habe man auch eine Puppe drapiert, die dem Angeklagten gehört habe und als angeblich „verfluchte Puppe“ gelten sollte, sagte der 21-Jährige.

Eine verfluchte Puppe und ein „Altar“

Mit dem SEK-Einsatz fand dann offenbar auch dieser Spuk ein Ende. Der Orden sei nach der Festnahme des 23-jährigen Mitbewohners „eingeschlafen“, sagte der Soldat. Auch der Kontakt zu dem Ordenschef sei abgebröckelt. Dieser habe nach der Polizeiaktion seine Handynummer gewechselt und sei nicht mehr erreichbar gewesen. Ende 2017 habe dieser ihm noch angeboten, seinen Online-Shop zu übernehmen, weil es ihm „nicht gut“ gehe. Er habe ihm dann mit einem eigens aufgenommenen Kredit den Shop für 6000 Euro abgekauft, diesen jedoch schon bald wieder aufgelöst. Trotz dieser Fehlinvestition hat der 21-Jährige – im Gegensatz zu anderen Zeugen – die Zeit in dem Haus in Lindau in guter Erinnerung: „Ich habe da viel erlebt und viel mitgenommen.“

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