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Konzert I

24.04.2018

Musik im Hier und Jetzt

Musik im Hier und Jetzt im Landsberger Stadttheater (von links): Avishai Cohen an der Trompete und Barak Mori am Kontrabass.
Bild: Thorsten Jordan

Beim Avishai Cohen Quartett stehen Seelenverwandte auf der Bühne. Sie spielen zeitweise traumhaft schön

Im letzten Jahr, Avishai Cohen war auf großer Europatour, gab der Trompeter in Hamburg anlässlich eines Konzerts in der Elbphilharmonie ein Interview, in dem er davon sprach, dass Musik immer einen Bezug zur Gegenwart haben müsse. Es gäbe keine Verbindung, würde man heute Dinge aus den 1940er-Jahren spielen. Musik müsse prinzipiell im Jetzt angelegt sein.

Nun trat der aus Israel stammende und derzeit in Indien lebende Trompeter mit seinem Quartett im Landsberger Stadttheater auf. So, oder zumindest ähnlich, war der Sound Miles Davis’, vor fünfeinhalb Jahrzehnten. Vor allem in den Momenten, in denen er den Dämpfer nutzte, der seinem Spiel diese besondere melancholische Aura gab. Das war zeitweise herzergreifend und traumhaft schön. Aber wie passt dieser Eindruck zu der Aussage im Interview?

Verfolgt man das Spiel Cohens genauer, wird deutlich, dass er eine definitiv andersartige Persönlichkeit ist und sich seiner Musik von einer sehr individuellen Seite nähert. Mag sein, dass der „Prince Of Darkness“ im Sound seine Spuren hinterlassen hat, aber je weiter der Abend fortschritt, umso deutlicher wurden diese Ansätze, die speziell Cohens Musik bestimmen.

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Selbst freie Passagen unterliegen keiner Ästhetik des Widerstands, sondern sind der Ausdruck einer sehr feinfühlenden Seelenlage. Avi-shai Cohen liebt die Offenheit. Die Ränder seiner Musik grenzen nicht ein, sondern sind Übergänge hin zu neuen Gedanken und Interpretationsweisen. Ein poetischer Freigeist, der oft mit nur winzigen Gewichtsverlagerungen innerhalb der Musik zu neuen Aussagen kommt. Aber klar im Ansatz und zwanglos in der Form. Natürlich ganz ohne Vibrato gespielt. Denn diese Form des Pathos passt nicht zu Cohen und zittrig wird man schließlich (laut Miles Davis) im Alter ganz von selbst.

Dieses Musizieren ist nur mit Gleichgesinnten möglich. Und auf diese kann Avishai Cohen schon seit einigen Jahren zurückgreifen. Es ist zu spüren, wie glücklich er mit Ziv Ravitz (Schlagzeug), Barak Mori (Bass) und Yonathan Avishai (Klavier) ist. Wie vier Seelenverwandte, die eine gewisse Polarität zur Erzeugung von Spannungsmomenten zwar nutzen, aber letztendlich doch auf gemeinsamem Level an ihrer Kunst arbeiten. Bei ihnen greift das Denken, Finden und Umsetzen von Musik zielgerichtet ineinander. Und Raum, für solistische Statements, manchmal auch für attackierende Provokationen, lassen sie sich gegenseitig reichlich – ohne bei deren Umsetzung auch nur in die Nähe von selbstverliebten Monologen zu geraten. Auch dann nicht, wenn Avishai Cohen als Zugabe allein auf der Bühne steht und eine sinnlich verschlungene Melodie seiner Ehefrau widmet. Musik eben im Hier und Jetzt.

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