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Dießen

04.01.2021

Naturschutz: Auf Entdeckungstour am Ammersee

Christian Niederbichler hat vom Beobachtungsturm bei Dießen und mit seinem Spektiv den Ammersee und das Moos im Süden im Blick.
Bild: Uschi Nagl

Plus Vor 50 Jahren wurde im Iran ein Abkommen zum Schutz von Feuchtgebieten geschlossen, das auch für den Ammersee Bedeutung hat. Auf Entdeckungstour mit dem Gebietsbetreuer.

Am 2. Februar jährt es sich zum 50. Mal, dass in der iranischen Stadt Ramsar ein weltweites Abkommen zum Schutz wichtiger Feuchtgebiete geschlossen wurde. Diese Konvention ist eine der ältesten internationalen Vereinbarungen im Bereich des Naturschutzes. In der Folge wurde 1976 auch der Ammersee und seine Uferbereiche mit einer Fläche von 65 Quadratkilometern zum Ramsar-Schutzgebiet erklärt. In einer Serie stellt der Ammersee Kurier dieses Schutzgebiet und die damit verbundenen Maßnahmen vor. Wir beginnen mit einem Spaziergang am Südufer.

Tausende Zugvögel machen am Ammersee Station

Was tut sich eigentlich draußen am Ammersee, während wir Menschen zwischen den Jahren in unseren warmen Stuben sitzen? Ein kleiner Spaziergang ans Wasser tut gut und lohnt sich. Hier ist Gastfreundschaft angesagt. Tausende von Zugvögeln machen derzeit im Ramsar-Gebiet Station, und die gefiederten Gäste finden insbesondere in der Vogelfreistätte Ammersee-Süd und im Ampermoos bei Eching ideale Bedingungen. Ein Tipp von Gebietsbetreuer Christian Niederbichler: Wer Vögel beobachten will, sollte ein Fernglas dabeihaben.

Am Dampfersteg in Dießen ist auch an Wintertagen etwas los. Hier haben derzeit die Möwen das Sagen. Sie lieben es, verfrorene Spaziergänger mit ihren Flugkunststücken zu beeindrucken. Klar würden sie sich über ein paar Brotkrumen freuen, weiß Christian Niederbichler. Aber davon sollte man absehen, denn in der Natur ist der Tisch für die Tiere noch reich gedeckt.

Auch Möwen leben am Ammersee.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand (dpa/Archiv)

Und sollte der Winter tatsächlich hart werden und der See zufrieren, würden sich die Möwen vermutlich auf den Weg in Richtung Bodensee machen – eine vergleichsweise kurze Distanz zu einem offenen Gewässer mit ähnlichen Lebensbedingungen wie am Ammersee. Außerdem tut Brot dem Verdauungssystem der Möwen gar nicht gut und leistet der Rattenpopulation im Uferbereich Vorschub.

Eine Silbermöwe hat ein Faible für den Ammersee

In der großen Schar, in der sich Sturmmöwen, Lachmöwen und Weißkopfmöwen tummeln, hält Gebietsbetreuer Christian Niederbichler Ausschau nach einem alten Freund: Seit vielen Jahren kommt eine Silbermöwe an den Ammersee. Das männliche Tier, so Niederbichler, halte sich ausschließlich zwischen Dießen und Riederau auf. Es wurde 2006 mit einem grünen Fußring versehen und ist mittlerweile, so die Vermutung, fast 20 Jahre alt. Die Besonderheit: Eigentlich sind Silbermöwen Küstenvögel und lieben die Brandung der Nordsee. Diese Möwe hat jedoch früh ihr Faible für Binnengewässer entdeckt. Das Möwenmännchen verbringt die Brutzeit in Polen an einem Weichsel-Stausee und zieht im Winter an den Ammersee.

Neuer Beobachtungsturm bei Aidenried

Geht man über die Mühlbachbrücke weiter nach Süden und biegt zwischen Strandhotel und MTV-Sportplatz links ab, gelangt man über einen langen Holzsteg vorbei an Schilf und Streuwiesen zum Naturbeobachtungsturm Ammersee-Süd. Ein weiterer Beobachtungsturm befindet sich bei Kottgeisering im Ampermoos, ein neuer Turm wurde vor Kurzem bei Aidenried am Ostufer fertiggestellt.

Vom Dießener Turm hat man einen wunderbaren Blick über den See und in südlicher Richtung über das Naturschutzgebiet hinweg in die verschneiten Berge. Christian Niederbichler hat an diesem stillen, sonnigen Vormittag eine große Ansammlung von Reiherenten auf dem Wasser zwischen dem Schilfbereich und den Fischerhütten entdeckt. Mindestens 150 Tiere, meint Niederbichler, die an dieser Stelle vermutlich nach Dreikantmuscheln tauchen. Die eingeschleppten Muscheln haben eigentlich im Ammersee nichts zu suchen, stehen aber ganz oben auf der Reiherenten-Speisekarte – ein durchaus sinnvoller Beitrag zum ökologischen Gleichgewicht also.

Reiherenten legen mehr als 8000 Kilometer zurück

Doch ein Kajakfahrer, der in flottem Tempo vom Dampfersteg heranpaddelt, zerstört die Idylle, der Schwarm fliegt auf und flüchtet hinaus auf den See. Solche Störungen, so Niederbichler, können für die Vögel, die Tausende von Kilometern aus ihren Brutgebieten angereist sind, um auf dem Ammersee zu überwintern, tödlich sein. Ringfunde beweisen, dass die Reiherenten zum Teil sogar aus Gebieten westlich des Urals kommen und Strecken von mehr als 8000 Kilometern bewältigen. Im November wurden 6664 der Langstreckenflieger am Ammersee gezählt. Anstatt zur Ruhe zu kommen und Energie zu tanken, brauchen sie bei Störungen durch Wassersportler ihre restlichen Energiereserven auf.

Christian Niederbichler hält mit dem Spektiv Ausschau

Doch auch Erfreuliches kann Christian Niederbichler berichten. Vor ein paar Tagen habe er vom Turm aus einen sehr seltenen Ohrentaucher „im Schlichtkleid“ bewundern können. Sein rotbraunes Prachtkleid trägt der Ohrentaucher nämlich nur während der Balz im Frühjahr in seinen Brutgebieten in Nordskandinavien, auf dem Balkan oder in Island. Bei einem Auftritt im Schlichtkleid müsse man schon etwas genauer hinschauen, weiß Niederbichler. Denn ein schwarz-weißes Federkleid tragen viele Tauchvögel im Winter. „Doch durch mein Spektiv konnte ich ihn an der charakteristischen weißen Schnabelspitze erkennen“.

Vor einigen Jahren waren sogar einmal ein Sternentaucher und ein Prachttaucher zur selben Zeit zu Gast auf dem Ammersee. Einige Vogelzähler hatten sogar das Glück, die beiden Vögel gleichzeitig auf dem Wasser beobachten zu können. „So eine Begegnung erlebt man bestenfalls einmal im Leben“, meint Niederbichler. Besonderheiten in den schlammigen Flachwasserbereichen am Südufer sind auch seltene Schlammenten wie Schnatterente oder Löffelente.

Etwa ein Dutzend Eisvögel leben am Ammersee

Wer sich an die ausgewiesenen Wege im Naturschutzgebiet hält, keinen Lärm verursacht und gute Augen hat, kann mit etwas Glück auch hübsche heimische Kleinvögel, wie zum Beispiel Schwanzmeisen entdecken. Ein besonders schöner Anblick ist es, wenn man im Uferbereich einen Eisvogel auf der Jagd ausmacht. Rund ein Dutzend dieser blauschillernden Vögel lebt derzeit am Ammersee, schätzt Christian Niederbichler. Ein Vorteil für die scheuen Bewohner der Vogelfreistätte Ammersee-Süd – ob Einheimische oder Wintergäste – sei es gewesen, so der Gebietsbetreuer, dass heuer das Silvesterfeuerwerk als großer Stressfaktor ausfällt.

Weltweit haben 2187 Gebiete mit einer Gesamtfläche von über 208 Millionen Hektar den Schutzstatus, der 1971 in Ramsar beschlossen wurde. 168 Staaten unterzeichneten das Abkommen. Der Ammersee ist eines von acht Gebieten in Bayern.

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