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Malerei

05.05.2014

Nicht-Orte ohne Tristesse

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2 Bilder
Den Reiz italienischer Verkehrsknoten zeigt dieses Bild von Martin Gensbaur, dessen Ausstellung im Studio Rose noch am kommenden Wochenende zu sehen ist.

Martin Gensbaur mit Ansichten aus Oberbayern und der Toskana im Studio Rose in Schondorf

Nach einer Definition des französischen Anthropologen Marc Augé handelt es sich bei seiner Gedankenkonstruktion des „Nicht-Ortes“ in erster Linie um einseitig, lediglich funktional genutzte Flächen und Gebäude im urbanen wie suburbanen Raum, die durch das Fehlen einer eigenen Geschichte und Identität ebenso charakterisiert sind wie durch ihre „kommunikative Verwahrlosung“.

Ohne weitere Erläuterung lassen diese Zeilen vor den Augen des Lesers moderne Einkaufszentren und Flughäfen entstehen, Bahnhöfe, Autobahnen, Tankstellen oder einförmige Hochhaussiedlungen an der städtischen Peripherie, Transiträume im Wesentlichen, deren nüchterne Funktionalität nicht zum Bleiben einlädt. Unweigerlich drängen sich weitere Assoziationen und Begriffe wie monotone, graue Farben, undurchdringlicher Beton, Nahverdichtung, Bodenversiegelung und als Grundgefühl eine diffuse Tristesse auf.

Diesen Nicht-Orten nähert sich der Maler Martin Gensbaur, der über die Architektur zur Kunst gekommen ist, mit seinen Arbeiten in seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Rose in Schondorf. Präsentiert werden insgesamt 25 Arbeiten aus den letzten fünf Jahren, davon 13, die in den letzten beiden Jahren entstanden sind und bisher noch nicht zu sehen waren. Statik, beinahe surreale Ruhe und das Fehlen jeglichen Lebens rücken diese Bilder in die Nähe von Natura-Morta-Darstellungen, ohne tatsächlich in diese Kategorie zu gehören. Im Mittelpunkt stehen moderne, rein funktionale Architekturen, gänzlich verlassen, und obwohl es schwerfällt, ihnen eine Ästhetik abzugewinnen, lassen sie auf eigenartige Weise die Tristesse vermissen, die man als Betrachter von Bildern mit einer derart spröden Motivik erwarten würde.

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Dies hat sicher nicht zuletzt mit der Arbeitsweise des Künstlers zu tun, der im Zeitalter digitaler Bildmedien als einer der wenigen Maler sein Objekt ohne vorherige Zeichnungen und Fotografien direkt vor Ort auf die Leinwand bannt. Ausgehend von an sich belebten und wenigstens zeitweise stark frequentierten Plätzen, entsteht bei Martin Gensbaur das Bild während des Malprozesses, der viel Zeit beanspruchen kann, so viel, dass die Menschen im Wortsinn von der Bildfläche verschwinden. Die zurückbleibenden Architekturen drängen sich nicht in den Vordergrund, dennoch sind sie von unmissverständlicher Präsenz.

Seine Motive muss Martin Gensbaur nicht bewusst suchen, er findet sie, sie finden ihn, hauptsächlich in der südlichen Toskana und in Oberbayern. Sein fotografisch genauer Blick widerspricht dabei nicht der malerischen Auffassung, die auch die „Nicht-Orte“ des Künstlers auszeichnet. Nach den Worten von Marc Augé schafft „der Raum des Nicht-Ortes keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit.“ Ausgehend von dieser These des Anthropologen müsste eine Ästhetik dieser „Nicht-Orte“ erst gesucht werden.

Am Ende erschließt sich sogar ein ästhetisches Moment

Obwohl Martin Gensbaur seine Objekte trotz einer gewissen surrealen Verfremdung unerbittlich und akribisch bis in das letzte Detail erfasst, nimmt er ihnen dennoch nicht die Würde. Und wer sich auf seine Bilder einlässt, dem erschließt sich wider Erwarten auch genau das ästhetische Moment der „Nicht-Orte“, über das sie eigentlich nicht verfügen dürften. Vielleicht ist es das Fehlen jeglichen zusätzlichen Reizes, vielleicht die Zurückgeworfenheit des Motivs auf sich selbst, die diesen Effekt ermöglichen. Auf sich allein gestellt, muss der Ort für sich sprechen.

Geöffnet ist die Ausstellung bis zum 11. Mai jeweils samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung unter Telefon 08807/7562. Zur Finissage findet am Sonntag, 11. Mai, eine Matinée statt, die um 11 Uhr beginnt und bei der sich der Künstler den Fragen des Publikums stellen wird.

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