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Interview

26.01.2015

Nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera

Nora Tschirner zeigt ihren Dokumentationsfilm in Landsberg.
Bild: picture alliance dpa, Frederic von Erichsen

Nora Tschirner stellt ihren ersten Dokumentarfilm beim Snowdance-Festival vor. Im Interview spricht sie über die Arbeit als Regisseurin.

Sie ist eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen, an Neujahr sahen knapp neun Millionen Zuschauer ihren Auftritt als Weimarer Tatort-Kommissarin Kira Dorn. Beim Independent-Filmfestival Snowdance stellt Nora Tschirner nun ihren ersten Film vor, die Dokumentation „Waiting Area“, für die das Landsberger Tagblatt die Patenschaft übernommen hat. Der Film widmet sich vier Frauen aus Äthiopien und einer Krankheit, die in der westlichen Welt nahezu ausgestorben ist: Geburtsfisteln. Im Interview spricht die 33-jährige Schauspielerin über das Leiden der Betroffenen, ihre Liebe zu Dokumentarfilmen und ihre Wünsche für das Snowdance-Festival.

Frau Tschirner, die meisten kennen Sie als Schauspielerin. Mit „Waiting Area“ haben Sie gemeinsam mit Natalie Beer Ihren ersten Dokumentarfilm gedreht. Wie kam es zum Wechsel hinter die Kamera?

Nora Tschirner: Die Gesamtschau der Dinge hat mich beim Film schon immer interessiert, die Regiearbeit hat mich dementsprechend schon früh gereizt.

Wie war die Erfahrung für Sie?

Tschirner: Herausfordernd, beglückend und prägend, eine völlig neue Art von Verantwortung.

Ihre Co-Regisseurin Natalie Beer und Sie begleiten in „Waiting Area“ vier äthiopische Frauen, die unter Geburtsfisteln leiden, einer in der westlichen Welt nahezu unbekannten Krankheit. Kein leichtes Thema . . .

Tschirner: Ja, bei uns gehören Geburtsfisteln heute zum Glück dank der ausgefeilten medizinischen Versorgung der Vergangenheit an. Die Krankheit geht mit großem seelischen Schmerz einher, obwohl sie leicht zu verhindern und eigentlich auch gut zu heilen wäre. Die Schicksale sind oft von Schamgefühlen und Stigmatisierung geprägt. Sogar völlige soziale Isolation ist keine seltene Folge. Unter anderem auch, da den Betroffenen und ihrem Umfeld oft nicht klar ist, womit sie es zu tun haben. Umso berührender für uns, dass sich unsere Protagonistinnen so offen geäußert haben.

Wie haben Sie die vier Frauen gefunden?

Tschirner: Über unseren Äthiopischen Produktionsleiter bekamen wir Kontakt zu einer Organisation, die sich auf die Suche nach Betroffenen macht, um ihnen den Transport in ein Spezialkrankenhaus zu finanzieren. Da diese Frauen und ihre Familien die Krankheit oft für eine Schande halten, leben sie in vielen Fällen sehr zurückgezogen und sind nicht leicht aufzuspüren.

Sie arbeiten bei dem Film mit Regisseurin Natalie Beer zusammen. Wie ist es dazu gekommen?

Tschirner: Wir kannten uns aus dem Spielfilmbereich, hatten kurz zusammen gedreht. Natalie kam auf mich zu, mit der Idee, mich für ein mögliches Äthiopienprojekt als prominente Sprecherin zu gewinnen. Mich interessierte aber eher die Arbeit als Regisseur und Co-Produzent.

Viele Ihrer Schauspielkollegen, die Regie führen, zieht es dann eher zum Spielfilm. Ihr Debüt ist eine Dokumentation. Haben Sie sich bewusst für dieses Genre entschieden?

Tschirner: Es hat sich einfach so ergeben. Ich hatte vorher schon länger das Gefühl gehabt, dass mich wahre Begebenheiten diesbezüglich eher hinter dem Ofen vor locken würden, als mir dann Natalie mit dem Thema über den Weg lief, fühlte es sich einfach goldrichtig an.

Ihr Vater Joachim Tschirner ist Dokumentarfilmer, Sie sind mit den Dokumentationen aufgewachsen. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Tschirner: Ich denke, meine Sehgewohnheiten im Dokumentarfilmbereich wurden dadurch schon geprägt. Eine bestimmte Ruhe im Rhythmus und in der Bildsprache, die präzise, aber zurückgenommene Regieführung, die poetische Erzählweise und die Liebe zu den Protagonisten haben mich bei den Filmen meines Vaters immer beeindruckt.

Den Film „Keinohrhasen“, in dem Sie die Hauptrolle gespielt haben, haben über sechs Millionen Menschen im Kino gesehen. „Waiting Area“ erreicht dagegen nur ein kleines, ausgewähltes Publikum. Bringt das auch eine gewisse Freiheit mit sich?

Tschirner: Das kann ich schlecht beantworten, da mir der genaue Einblick in die Abläufe einer solch riesigen Produktion wie „Keinohrhasen“ fehlt. Ich war zwar als Schauspielerin beteiligt und habe Augen und Ohren offen gehalten, aber das ist nicht vergleichbar mit der Verantwortung eines Regisseurs oder Produzenten. Ich kann mir allerdings schon vorstellen, dass es da um ein Vielfaches mehr Druck gibt. Allein schon, dass wir „Waiting Area“ vollkommen unabhängig finanziert haben, schaffte uns natürlich enorm viel Freiraum.

Werden wir in Zukunft häufiger Filme von Ihnen sehen?

Tschirner: Ich kann mir das gut vorstellen, ja. Thematisch bin ich nicht eingeschränkt, das wird sich zeigen . . .

Der Film wird beim Snowdance-Festival gezeigt. Mit welchen Erwartungen kommen Sie nach Landsberg?

Tschirner: Ein Festival ist einfach immer eine sehr gute Gelegenheit wirklich ins Gespräch miteinander zu kommen. In direkten Kontakt mit dem Publikum zu gehen. Bei einem Film wie unserem, den man bis jetzt ja nur in einem solchen Rahmen sehen kann, ist es sogar die einzige Gelegenheit für einen Austausch. Darauf freue ich mich.

Werden Sie sich auch die anderen Filme anschauen?

Tschirner: Leider nein, ich bin nur kurz da. Das ist bedauerlich, denn auf diesen Festivals sehe ich meist meine Lieblingsfilme des Jahres. Aber es wird hoffentlich nicht mein letzter Besuch beim Festival bleiben.

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