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Denkmalschutz

03.01.2015

Nur noch eine schnöde Geldanlage?

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Zumindest der äußere Charakter der Straßenseiten soll am Stohrerhof nach dem Willen der Denkmalschützer erhalten bleiben.

Der Umbau des Stohrerhofs in eine Wohnanlage stößt auf Kritik in Riederau. Doch der geschieht im Einvernehmen mit der Fachbehörde

Zehn Jahre sind vergangen, seit der Kreistag im Dezember 2004 beschlossen hat, den Stohrerhof in Riederau zu verkaufen. Der seit Monaten laufende Umbau des ehemaligen Bauernhofs in insgesamt zehn Wohneinheiten sorgt jetzt wieder einmal für Gesprächsstoff: „Nach meiner Einschätzung wurden die Grundsätze des Denkmalschutzes auf das Gröbste geschädigt und die Substanz respektlos zur schnöden Geldanlage degradiert“, schrieb der Vorsitzende des Verschönerungsvereins Riederau, Stephan Widler, jüngst an das Landesamt für Denkmalpflege. Er sei entsetzt über das sich abzeichnende Ergebnis.

Ganz anders stellt sich die Sichtweise der Eigentümer dar: Der Unternehmer Benedikt Schröder (ihm gehört der gemauerte Teil des Anwesens) und der Rechtsanwalt und Kaufmann Thomas Behrendt (Eigentümer des aus Holz errichteten ehemaligen Ökonomieteils) heben ihre denkmalgerechte Herangehensweise hervor. Aus dem Landesamt für Denkmalpflege erklärt die Oberkonservatorin Dr. Susanne Fischer: „Der Stohrerhof ist nicht unser Lieblingsbauvorhaben.“

Wer sich dieser Tage zum Stohrerhof begibt, wird denn auch nicht mehr allzu viel rustikale Romantik à la Glentleiten oder Jexhof mehr vorfinden. Der Stoherhof ist Baustelle. Der riesige Ökonomieteil ist in den vergangenen Monaten gründlich umgestaltet worden. Innen wurden Böden und Trockenbauwände eingezogen. An der Südseite sind über dem ehemaligem Stall raumhohe Fensteröffnungen errichtet worden, noch großflächiger sind die neuen Fenster an der Westseite. Hier ist auch ein umlaufender Balkon aus Douglasienholz geschaffen worden. Weitere Altanen sind an der Rückseite angebaut worden, dort bringen auch mehr als ein Dutzend Dachflächenfenster Licht in den mit 19 Metern ungewöhnlich breiten Baukörper. Und die mit Lärchendielen neu verkleidete Nord- und Westseite schimmert blassrötlich in der Wintersonne. „Hier ist kaum noch etwas wie früher“, fasst Stephan Widler seine Eindrücke zusammen. Die verbleibenden Fragmente verdienen seiner Meinung nach nicht mehr das Prädikat „Denkmal“.

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Der Stohrerhof ist schon seit Jahrzehnten ein gleichsam gebrochenes Baudenkmal in einer völlig veränderten Umgebung. Dieser Wandel begann in Riederau vor mehr als 100 Jahren. Riederau war ursprünglich – ähnlich wie das benachbarte Rieden – ein Weiler mit vier Höfen und einer Kapelle, einer davon der 1770 in der bis vor Kurzem überkommenen Form erbaute Stohrerhof. Mit dem Bau der Ammerseebahn 1898 erhielt Riederau einen Haltepunkt und geriet in das Blickfeld von Investoren, die große Teile der Riederauer Flur aufkauften. Noch vor dem Ersten Weltkrieg entstanden Planungen, den Ort zu einem Villengebiet zu entwickeln.

Der Stohrerhof wurde 1966 vom Landkreis gekauft und vom damaligen Landrat Bernhard Müller-Hahl dazu ausersehen, den „Kreisheimatstuben“ eine Heimstatt zu geben, die bald auch eine Sammlung historischer bäuerlicher Geräte und Einrichtungsstücke aus dem gesamten Landkreis beherbergte. Der Stohrerhof wurde – nach heutigen Kriterien durchaus nicht immer denkmalgerecht – saniert und zu einem Idealbild ländlicher Kultur ausgebaut. Hier wurde das untergehende ländliche Leben zwischen Lech und Ammersee gezeigt, auf den Wiesen nebenan wurden Apartmenthäuser hochgezogen und der Stohrerhof wurde zu einem musealen Überbleibsel einer vergangenen Zeit.

Eine Idee, was aus dem inzwischen angestaubten Museum gemacht werden könnte, hatte um die Jahrtausendwende niemand mehr so recht. Der 2013 verstorbene Landeshistoriker Pankraz Fried und der damalige Kreisheimatpfleger Anton Huber unternahmen zwar einen Rettungsversuch, doch weder in der Bevölkerung noch in der Politik fanden sie nennenswert Mitstreiter. Der Stohrerhof wurde an den Münchner Unternehmer Benedikt Schröder verkauft. Mit Verbitterung schrieb Fried in einem Beitrag für die Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte „unsere Heimat ist ein Stück ärmer geworden“.

Schröder legte 2007 einen Umbauplan vor, der unter anderem vorsah, in dem weitgehend aus Holz gebauten früheren Ökonomieteil acht Wohnungen einzubauen – mit zahlreichen neuen Fenstern und Balkonen. Die Mitglieder des Bauausschusses sprachen von „Verschandelung“. Das Landesamt für Denkmalpflege zeigte sich schon damals wesentlich konzilianter. Kompromisse seien manchmal notwendig, um ein Baudenkmal überhaupt erhalten zu können. Man bestehe aber darauf, dass der Bestand – gemeint war die Holzkonstruktion und die straßenseitigen Fassaden – in ihrer äußeren Anmutung erhalten bleiben. Schröder erhielt eine Baugenehmigung, trotzdem gab Schröder sein Umbauprojekt auf: „Nach gepflegten Auseinandersetzungen mit dem Denkmalamt habe ich mir gesagt, diesen Stress soll sich jemand anders antun“, erzählt Schröder. Er verkaufte den nichtgemauerten Teil des Hofs an den Anwalt und Kaufmann Thomas Behrendt, einen Bruder des Dießener Gemeinderates Michael Behrendt. Der neue Eigentümer nahm einige Änderungen am vorhandenen Konzept vor – und die überzeugten sogar den bislang kritisch eingestellten Dießener Bauausschuss: „Da wird Denkmalschutz als Chance begriffen“, lobte etwa Michael Hofmann.

Nicht ganz so begeistert ist Dr. Susanne Fischer vom Landesamt für Denkmalpflege: „Wir hätten uns etwas anderes gewünscht“, räumt sie ein. So viele Wohneinheiten zu errichten, sei nicht im Sinne der Denkmalpflege. Fischer verweist aber zugleich auf die Grenzen des Denkmalschutzes: „Ablehnen können wir nur, wenn jemand etwas zerstören will.“ Doch die historische Substanz sei nicht beschädigt worden. Behrendt habe auch, das habe eine Baukontrolle nach der Intervention von Stephan Widler bestätigt, nach Plan umgebaut. Der Stohrerhof sei kein Einzelfall: Um große ehemalige Wirtschaftsgebäude nutzen zu können, seien oft erhebliche Veränderungen nötig.

Bis zum Frühjahr soll der Umbau vollendet sein, kündigt Behrendt an, der einen Teil des Anwesens wie Schröder selbst bewohnen und einen Teil vermieten will. Weil einige Wohnungen zusammengelegt seien, werde es praktisch nur sieben Einheiten geben. "Diese Woche S. 18

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