1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Orte von spröder Schönheit

Ausstellung

05.08.2015

Orte von spröder Schönheit

Das plausible Schema „immer an der Wand lang“ der Bilder Martin Gensbaurs findet im Neuen Stadtmuseum seine wohltuende Unterbrechung in der Ergänzung durch die Arbeiten Roswitha Tafertshofers (vorne).
Bild: Julian Leitenstorfer

Martin Gensbaur und Roswitha Tafertshofer zeigen im Neuen Stadtmuseum Arbeiten mit einem ganz eigenen Blick auf Räume

Man stelle sich mitten hinein in die beiden Ausstellungssäle und beginne sich zu drehen – erst langsam, dann etwas schneller, immer um die eigene Achse kreisend, den Blick dabei fest auf die Bilder an den Wänden rundum geheftet: Allesamt Querformate, die wie Perlen auf eine Schnur gezogen mit beinahe identischen Abmessungen (exakt übereinstimmende Seiten-, nur einige wenige verkürzte Längenmaße), sich etwa auf Augenhöhe fast wie ein „Endlosband“ entlang der Wände um die Räume herumziehen. ,,Die Hängung hat ihren Grund …“, sagt dazu vieldeutig Martin Gensbaur während der Vernissage zur Ausstellung „Unorte“ im Neuen Stadtmuseum Landsberg am vergangenen Freitagabend.

„Film ab“, könnte aus dem Hintergrund die Anweisung kommen, „Kameraschwenk“. Und dann ist es fast wie Karussellfahren: Im ersten, langsamen Durchlauf werden die vorbeiziehenden Bilder aufgenommen, in den weiteren, immer schnelleren tauchen diese dann flashartig für nur kurze Momente wieder auf. Das Wenige, das dann zu erkennen ist, wird mit den Bildern aus der Erinnerung zu einer erst dann wieder vollständigen Wahrnehmung ergänzt. Eindrücke passieren Revue, im konkreten Fall sind dies Tankstellen, Autobahnen, Einkaufszentren, Bauruinen – leere, sogenannte „Unorte“.

Der Dießener Maler Martin Gensbaur widmet sich diesem Thema schon seit Jahren, greift ähnliche Motive, beispielsweise das der verlassen daliegenden Tankstelle, immer wieder von Neuem auf und erzeugt, wie auch jetzt im Stadtmuseum, durch deren stakkatoartig dicht gereihte Hängung beim Betrachter das Gefühl der Wiederholung.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Ähnliches glaubt man, schon einmal vielleicht anderswo gesehen zu haben – kurz: Gensbaur erzeugt Déjà-vu-Momente. In hoch ästhetischer Darstellung zeigt der Künstler Orte von spröder Schönheit, wie sie in der modernen Gesellschaft überall entstehen, vordergründig wenig einladend, weitestgehend gemieden, menschenleer – und hebt sie damit aber zurück ins Blickfeld, ermöglicht ihre Wahrnehmung als (mit-)bestimmend für das, was am Ende unser „Welt-Bild“ formt und zugleich das Bewusstsein für die Formbarkeit, auch Formbedürftigkeit der Welt.

Bedauerlich allenfalls, dass er in der aktuellen Ausstellung diese „Unorte“ bis auf zwei Ausnahmen (eine Tankstelle in Lauingen und die Funkanlagen in Raisting) nur im Ausland, genauer in Italien, ausmacht. Es gäbe sie, Stichwort Alte Pflugfabrik, auch in unmittelbarer Umgebung zuhauf.

Das durchaus plausible Schema „immer an der Wand lang“ findet seine dann doch wohltuende Unterbrechung in der Ergänzung durch die Arbeiten Roswitha Tafertshofers. Zwischen Gensbaurs Ölgemälde mit ihrem gelegentlich fast signalhaften Charakter gestreut, in beleuchteten Vitrinen oder frei im Raum aufgestellt, beschreibt die studierte Theaterwissenschaftlerin in ihren Stellagen Orte aus einer ganz anderen, nostalgischen Sichtweise.

Durchweg widmet sich die Künstlerin „Orten der Vergangenheit“, dokumentierend einerseits in der Auswahl des Materials (alte Puppenstuben, Kaufläden, Bahn- und Bauernhöfe und das dazugehörige Inventar), kommentierend andererseits, wenn sie scheinbar „falsche“ Zuordnungen vornimmt. Dabei fehlt es ihr nicht an hintersinnigem Humor, etwa wenn sie in ihrer Arbeit „Honeckers Heim, Glück allein“ die Datscha des früheren DDR-Staatschefs nicht nur detailgenau als Spießeridylle inszeniert, sondern diese darüber hinaus entlarvt als gelebte Lüge und offenkundigen Widerspruch zur behaupteten sozialistischen Überzeugung, indem sie das Innere des Wohnraums vollstopft mit Produkten des für seine Konsumorientierheit stets heftig kritisierten kapitalistischen Westens.

So unterschiedlich die Herangehensweise der Künstler an das Thema „Orte“ sein mag, so untrüglich zeigt sich aber auch deren beider Gespür für die Gestaltung und Wandlung von Räumen. Dass dies nicht nur in den gezeigten Werken zum Ausdruck kommt, sondern besonders auch in deren Präsentation, also darin, wie die beiden Museumssäle bespielt und wie einfühlsam die Arbeiten zueinander in Bezug gesetzt werden, unterstreicht dies umso mehr und ist allein Grund genug, die noch bis 27. September zu den regulären Öffnungszeiten des Neuen Stadtmuseums zu besichtigende Ausstellung zu besuchen.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%2097230254.tif
Landsberg

Kurioser Deal: Mann zahlt Unterhalt für Kinder mit Drogen

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen