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30.01.2014

Politische Tomatenzucht

„Eine andere Welt ist pflanzbar“: Die Journalisten Claus Peter Lieckfeld (rechts) und Martin Rasper sprachen in Dießen über Stadtimkern und Stadtgärtnern.
Bild: Miriam Anton

Stadtgärtnern und Stadtimkern wird immer beliebter. Vortrag in Dießen

Honig vom eigenen Bienenvolk, Tomaten, Salat und Kräuter aus eigenem Anbau – immer mehr Städter greifen zu Schaufel und Honigschleuder. Diesem Trend widmete sich die Kulturreihe „Goys letzte Montage“ im Maurerhansl. Die Autoren und Journalisten Claus Peter Lieckfeld und Martin Rasper referierten am Montag zum Thema: „Bienen in der Stadt, Gemüse auf dem Dach – warum Urban Gardening politisch ist und was das mit unserer Zukunft zu tun hat“

Gärtnern als politischer Akt? Für Martin Rasper, Vorsitzender Münchner Gemeinschaftsgartens „O‘pflanzt is“, ist die Lust am Säen und Ernten eine neue Bewegung, gegen Gentechnik und Einheitssaatgut, gegen den Verlust von Landsorten und die Beschränkung auf überall gleiche Hochertragssorten bei Gemüse und Obst im Supermarkt. „Wenn die Sortenvielfalt erhalten bleiben soll, dann wird sie von Amateuren gerettet werden müssen.“ Aktuell kontrollierten drei Konzerne die Hälfte des Weltmarkts für Saatgut, so Rasper.

Dem entgegen stehen in Deutschland mittlerweile 100 „Urban Gardening“-Projekte. Einige davon sind aus „Transition Town“-Gruppen entstanden, wie in Dießen, wo rund 40 Leute ihr Gemüse im Gemeinschaftsgarten in Wengen anbauen. Was die Gärtner verbindet: sie benutzen ausschließlich samenfeste Saatgut. Anders als die sogenannten Hybridsorten, die aus der Kreuzung zweier Inzuchtlinien entstanden sind, bilden diese Pflanzen Samen für den eigenen Nachbau. „Der Gärtner macht sich unabhängig von den Saatgutanbietern“, so Rasper. Er kann in seinem Garten eigene Sorten züchten.

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Der Begriff „Garten“ leitet sich historisch aus der Begrenzung her. In der Stadt hat er diesen Wortsinn aber längst verloren, wie Rasper in seinem Vortrag anhand von Fotos zeigte. Ein „Garten“ können Kräuter in einer Kiste sein oder Salatpflanzen in einem mit Erde gefüllten Einkaufswagen. Das bekannteste Urban Gardening Projekt, ist der Prinzessinnengarten in Berlin. Dieser Gemeinschaftsgarten auf einer kleinen Brachfläche mitten in Kreuzberg sei inzwischen eine Touristenattraktion und zeige, wie erfolgreich eine Zwischennutzung sein könne, erzählt Rasper. Angebaut wird in Tüten und Kisten, damit der Platz jederzeit geräumt werden kann. Auch auf dem Tempelhofer Feld in Berlin gibt es eine Gartencommunity, alte Holzbetten dienen als Beet, Vinylplatten als Dach – „hier verbindet sich Gärtnern mit Kunst.“

Parallel zum Urban Gardening erfreut sich auch das Stadtimkern großer Beliebtheit. Vorreiter dieser Bewegung war der Pariser Jean Paukten, der seine Bienen Mitte der 80er Jahre vom Land auf das Dach des Opernhauses umsiedelte, erzählt der in der Region lebende Autor Claus Peter Lieckfeld. Das große Medieninteresse nutzte der Bühnenrequisiteur für seine Forderung: giftfreie Landschaften, jenseits von Monokulturen. „Die Bienen in den Städten bringen größere Erträge, da auf dem Land, wenn Raps-und Löwenzahn verblüht sind, die Bienen nicht mehr ausreichend Futter haben“, berichtet Lieckfeld über Erfahrungen der Stadtimker. Während Landimker in vielen Regionen auch im Sommer zufüttern müssen. können sich die Stadtbienen nach den Ausführungen von Lieckfeld an Ahorn, Löwenzahn, Kastanien, Linden und Robinien gütlich tun. In Hamburg allein gebe es 540 zertifizierte Imker mit insgesamt 3380 Bienenvölkern.

Und Lieckfeld und Rasper sind sich einig: „Eine andere Welt ist pflanzbar“ – auch in der Stadt.

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