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Landsberg

26.04.2015

Porno-Darsteller aus Landsberg: "Die Branche spart sich kaputt"

Pornodarsteller Christian Bieber veröffentlicht nun sein Buch "Der Hamster hat Schluckauf".
Bild: Julian Leitenstorfer

Zwei Mal hat Chris Hilton den Venus Award gewonnen. Eine Auszeichnung für Menschen aus der Erotik-Branche. Der Landsberger arbeitet als Porno-Darsteller. Jetzt erscheint sein Buch.

Worum geht es in Ihrem Buch, Herr Hilton?

Chris Hilton: Im ersten Teil geht es um meinen Lebensstil, darum, wie ich in die Pornobranche gekommen bin. Im zweiten Teil beschreibe ich, was mir bei Drehs passiert ist. Und versuche Fragen zu beantworten. Zum Beispiel, ob die Darsteller beim Sex überhaupt Spaß haben. Im dritten Teil geht es um die Gesellschaft und um Vorurteile. Als Porno-Darsteller bekommt man oft zu hören: "Ihr macht das ja nur, weil ihr dumm seid." In dem Buch zeige ich, viele Darsteller haben studiert. Die Macher sind so gemischt wie die Zuschauer.

Ihr Buch heißt "Der Hamster hat Schluckauf". Was hat es mit dem Titel auf sich?

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Chris Hilton: Das ist ein Insider-Spruch. Er hängt damit zusammen, dass viele Darstellerinnen unzuverlässig sind. Einmal haben wir gedreht und die Darstellerin kam aus Berlin. Um sicher zu gehen, dass sie kommt, riefen wir sie am Morgen an. Da hat sie gesagt, sie sei gerade am Bahnhof. Dann kam sie einfach nicht. Ging nicht an ihr Handy. War wochenlang nicht zu erreichen. Irgendwann kam sie mit absurden Ausreden an. In solchen Fällen sagen wir: Der Hamster hat Schluckauf und jeder am Set versteht sofort ohne viele Worte, was los ist.

In Ihrem Buch gehen Sie mit der Porno-Branche ziemlich hart ins Gericht. Was sind Ihre Vorwürfe?

Chris Hilton: Ich gehe nur mit einigen hart ins Gericht, nicht mit allen. Der Leser soll verstehen, dass es in der Branche Unterschiede gibt. Seit der Porno in den 70er-Jahren legalisiert wurde, hat sich die Branche gewandelt. Pornos kamen aus dem Kino und sind zu kostenlosen Internet-Clips geworden. Da geht es nur noch darum, alles billig zu machen. So sehen die Filme auch aus. Statt einem Tonteam, einem Lichtteam und einem Kamerateam muss das jetzt einer alleine machen. Weil niemand die Anreise und Übernachtung von Darstellern bezahlen möchte, nimmt man nur diejenigen, die vor Ort sind. So sieht man ständig die gleichen Menschen. Früher gab es an den Sets meistens ein Catering. Heute muss man froh sein, wenn man ein belegtes Brötchen und etwas Anständiges zu trinken bekommt. Und für die Frauen gibt es keine Visagisten mehr, so verlieren sie ihren Glamour und werden zu Lieschen Müller. Die deutsche Pornografie gleicht Griechenland: kaputtgespart.

Sie bemängeln auch das System der Gesundheitstests. Was läuft da schief?

Chris Hilton: In Ländern wie Tschechien oder Ungarn läuft das besser ab als in Deutschland. In Ungarn ist es so: Wenn ein Darsteller drehen möchte, geht er zum Arzt. Der untersucht sein Blut und schickt die Daten an eine zentrale Stelle. Die sagt dem Produzenten: Der Darsteller ist in Ordnung oder nicht. In Deutschland bekommt der Darsteller den Test selbst mit und legt ihn vor. In Zeiten von Photoshop ist es ein Leichtes, den Test zu fälschen. Als Produzent hat man keine Möglichkeit, das zu überprüfen. Wenn man beim Arzt anruft heißt es: Das unterliegt der Schweigepflicht. Und es gibt schwarze Schafe. In der Porno-Branche ist die Durchseuchung mit Geschlechtskrankheiten höher als im Rest der Bevölkerung.

Das hört sich jetzt alles nicht so positiv an. Warum machen Sie denn noch mit?

Chris Hilton: Also erstens arbeite ich fast gar nicht mehr als Darsteller, sondern fast nur noch als Produzent. Und zweitens ist das nur mein Hobby. Ich habe mir immer die Rosinen rausgepickt. Wenn ich was mache, dann soll es was Schönes sein. Das ist für mich eine Art Wellnesurlaub. Aber ich verdiene damit kein Geld.

Wie ist das denn als Darsteller vor der Kamera? Kann man das mit Sex mit seinem Partner im Schlafzimmer vergleichen?

Chris Hilton: Nein, überhaupt nicht. Bei einem Porno-Dreh geht es nicht um den Spaß für die Darsteller. Sondern darum, ein schönes Produkt für den Kunden herzustellen. Das hat was mit dem Licht zu tun und dem Winkel zur Kamera. Als Mann hat man die Aufgabe, die Frau gut aussehen zu lassen. Das ist ganz anders, als wenn man mit seinem Partner schläft. Ich vergleiche das mit Fastfood. Es fehlt der Genuss, den man bei einem Restaurantbesuch hätte. Aber um den Hunger zu stillen, reicht es.

Sie kommen aus Landsberg. Werden Sie dort oft angesprochen?

Chris Hilton: Ich hatte da neulich ein ganz witziges Erlebnis. Ich war auf einem Klassentreffen. Und wir haben uns über Gott und die Welt unterhalten. Aber niemand hat was zu mir über Pornos gesagt. Dann habe ich meinen damaligen Freund aus Schulzeiten gefragt: 'Sag mal, wissen die eigentlich, was ich mache?' Und er musste total lachen. Jeder wusste es, aber keiner hat was gesagt. So geht es mir in Landsberg auch. Die Leute sprechen mich nicht an. Wenn ich aber in Spanien oder in Berlin bin, erkennen mich die Menschen oft. Deshalb weiß ich auch gar nicht, wie viele Menschen in Landsberg wissen, dass ich Pornos drehe.

Haben Sie zum Abschluss vielleicht noch einen Tipp für Männer und Frauen?

Chris Hilton: Darüber gibt es auch jeweils ein ganzes Kapitel in meinem Buch. Ein Tipp: Frauen rate ich, dass sie Männer nicht mitverantwortlich machen sollen, dafür, was der Vorgänger verbockt hat. Wenn man jemanden neu kennenlernt, muss derjenige genau den gleichen Vertrauensvorschuss bekommen, wie der Mann davor. Schließlich kann er nichts für die Fehler seines Vorgängers. Aber dass Frauen sich so komisch benehmen oder extra vorsichtig sind, erlebt man leider viel zu oft. Frauen lassen gerne die aktuellen Männer die Suppe vom Vorgänger auslöffeln. Das macht kein Mann gerne mit.

Und für Männer?

Chris Hilton: Männer sollten souverän sein. Was man so sagt: Frauen stehen auf Machos. Das stimmt nicht. Frauen stehen auf Männer, die souverän sind. Und das geht leider viel zu sehr verloren. Deshalb rate ich den Männern, sie sollen ihre Souveränität zurückfinden.

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