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Landsberg/Göttingen

16.03.2019

Prozess: Der mutmaßliche Mörder und das Geisterhaus

Im Mordprozess gegen einen Landsberger ging es um ein "Geisterhaus", in dem der Angeklagte lebte.
Bild: Anette Zoepf

Plus Ein Zeuge schildert vor Gericht, wie der angeklagte Landsberger in Niedersachsen in einer mysteriösen WG lebte. Die Rituale des Ordens wirken wie aus einem Horrorfilm.

Im Prozess um eine zerstückelte Leiche in Katlenburg-Lindau (Niedersachsen) hat ein Zeuge am Freitag vor dem Landgericht Göttingen nähere Angaben zu einem okkulten „Orden“ gemacht, dem der Angeklagte angehört hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft dem aus Landsberg stammenden 28-Jährigen vor, Anfang Dezember 2017 an seinem damaligen Wohnort in südniedersächsischen Lindau einen 37-jährigen Wohnungsnachbarn aus Mordlust getötet zu haben. Später habe er die Leiche zerstückelt und vergraben.

Nach Angaben des 33-jährigen Zeugen war das Haus, in dem der mutmaßliche Täter und das Opfer gewohnt hatten, ein regelrechtes Geisterhaus, in dem obskure Rituale und Geisterbeschwörungen stattfanden. Der aus Baden-Württemberg stammende Zeuge hatte selbst zeitweilig in dem Haus gewohnt und war ebenso wie der Angeklagte Mitglied der okkulten Vereinigung, hinter der ein Mann aus dem Raum Hildesheim stehen soll. Dieser habe sich als „Sprecher“ bezeichnet und sei unter dem Namen „Hüter von Kronum“ aufgetreten, berichtete der 33-Jährige.

Lesen Sie den Bericht über das Geständnis des Angeklagten: Nachbar zerstückelt: Angeklagter hat völlig verzweifelt gestanden

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Der Zeuge war im Internet auf die „geheimnisvolle Gemeinschaft“, wie es dort hieß, aufmerksam geworden und hatte sich von den Videos angesprochen gefühlt. Damals habe er sich in einer persönlichen Krise befunden und für Verschwörungstheorien interessiert, erklärte er. Er habe dann Kontakt zu dem „Sprecher“ aufgenommen. Dieser habe ihm geschmeichelt und den Orden „schmackhaft gemacht“.

Die Riten führten die Mitglieder in den Harz

Später habe er dann an einem Treffen in Thale im Ostharz teilgenommen. Dort hätten sich die Teilnehmer für ein Wochenende in einer Jugendherberge eingemietet und Wanderungen zu Ruinen und Kultstätten wie dem Hexentanzplatz unternommen. Das sei sehr faszinierend gewesen: „Der Harz ist halt mystisch.“ Die meisten Teilnehmer, die sich für den Orden interessierten, seien ebenso wie er Menschen gewesen, „die sich von der Gesellschaft vernachlässigt gefühlt“ hätten.

Beim dritten Treffen sei er dann aufgenommen worden. Sie seien dazu mit Fackeln durch den dunklen Harzwald gezogen. An einem zuvor aufgebauten Altar habe er dann einen „Schwur vor der Gottheit“ geleistet. „Ich habe mich gefühlt wie Robin Hood“, sagte der Zeuge. Er habe ein Zugehörigkeitsgefühl gespürt, „das ich noch nie in meinem Leben hatte. Das hat richtig gutgetan“. Der sogenannte Ordenssprecher, der ihm die Eidesformel vorgesprochen und ihm den Schwur abgenommen hatte, betätigte sich indes nicht nur als Erzähler mystischer Geschichten und Legenden, sondern verfolgte mit seinem Orden offenbar auch geschäftliche Interessen: Er versuchte, von ihm angeworbene Ordensmitglieder als Mieter für ein Haus zu gewinnen, das er in Lindau angemietet hatte. Die Immobilie war früher als Gästehaus des inzwischen nach Göttingen umgesiedelten Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung genutzt worden.

Der Zeuge wollte sich selbst umbringen

Der 33-Jährige war von der Idee einer solchen Esoterik-WG so angetan, dass er seine Wohnung in Baden-Württemberg kündigte und sogar einige Zeit obdachlos war, weil das Haus erst mit mehrmonatiger Verspätung bezugsfertig wurde. Der 33-Jährige zog dort mit dem angeklagten Landsberger in eine Drei-Zimmer-Wohnung. Eines der Zimmer sei für die Zusammenkünfte der Ordensmitglieder hergerichtet worden, berichtete der Zeuge. Dort hätten sie dann Rituale abgehalten, Hymnen eingeübt und Seancen mit Geisterbeschwörungen veranstaltet. Der Sprecher habe immer wieder Geschichten erzählt, was alles passieren würde, wenn die Gottheit verärgert sei.

Der Zeuge bezeichnete ihn als „Meister der Manipulation“, der wie ein Sektenführer agiert und ihm immer wieder Angst eingeflößt habe. Bei einer der Seancen habe er bei einem Ritual zwölf Tropfen Blut dazugeben müssen. „Der Geist, den ich damals beschworen habe, verfolgt mich heute noch“, sagte der 33-Jährige vor Gericht. Er sei schließlich psychisch so unter Druck geraten, dass er einen Suizidversuch im Keller unternommen habe. Bald darauf sei er ausgezogen.

Auch beim Angeklagten haben die okkulten Praktiken Spuren hinterlassen: Eine seiner zahlreichen Tätowierungen zeigt die Raben Odins, der in der germanischen Mythologie als Totengott gilt.

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