Newsticker

Zahl der Corona-Infizierten in München sinkt unter kritischen Wert
  1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Satirische Spurensuche mit Biss

18.03.2009

Satirische Spurensuche mit Biss

Landsberg Lerchenberg und Thoma auf einer Bühne - eine bayerisch-satirische Kombination, die aufgrund der Klasse des Schauspielers Michael Lerchenberg, auch als Stoiber-Imitator am Nockerberg bekannt, und der zynischen Schreibkunst des Schriftstellers Ludwig Thomas einen heiteren Theaterabend verspricht. Entsprechend groß ist an diesem Abend auch der Andrang im Landsberger Stadttheater. Mit einem kecken Musikstück des starken "crème duett" (Klarinette, Saxophon: Richard Köll; Konzertharfe: Marlene Eberwein) wird begonnen.

Der "halbe Meter Ludwig Thoma", auf dem sich laut Lerchenberg der Thoma-Stoff aufeinandergestapelt mit all seinen Satiren, Kurzgeschichten, Gedichten und Briefwechseln beläuft, wird in den folgenden zwei Stunden mit satirischer Derbheit, Witz und einer starken musikalischen Begleitung zum Besten gegeben. Schon zu Beginn der Musiklesung sorgt Lerchenberg mit "Tante Frieda" für große Lacher: Von schrill-alt (Tante Frieda) wechselt Lerchenbergs Stimme sekundenschnell in jungenhaft-unschuldig (Ludwig Thoma) und kann über den prägnant derben Stil in Thomas Kurzgeschichte eine bildhafte Situationskomik erzeugen.

Das Verhältnis zu Frauen

Auch Thomas Verhältnis zu Frauen wird beleuchtet: In dem Stück "Als Referendar" wird Thomas Schwäche für "runde " Frauenkörper und sein Glaube an das "stramme Korsett" deutlich. Der von Lerchenberg im wahrsten Sinne des Wortes getitelte "Schürzenjäger" Thoma lässt in diesem Stück zwar für ein "10-Mark-Stück" das Frauenzimmer eiskalt links liegen, im wahren Leben jedoch waren seine sexuellen Triebe nicht ganz so wirtschaftlich kontrollierbar: Eine immense Schuldensumme bei einer Kupplerin, Geldnot aufgrund zu vieler Besuche in den Freudenhäusern von Paris und Affären mit einer Bauchtänzerin sind nur Auszüge aus Thomas exzessiven Leben. Mit dem bayerischen Gedicht "An die Sittlichkeitsprediger in Köln am Rheine" kritisiert Thoma auf derb-satirischem Niveau die Scheinmoral der kirchlichen Vertreter und kommt dafür sechs Wochen in Haft. Nach der Lesung der in Haft entstandenen Komödie "Moral" verzaubert das "crème duett" mit einer fantastischen Version von "Ein Männlein steht im Walde", das bildhaft zu dem "Kind gebliebenen" Thoma zu passen scheint. Vor der Pause liest Lerchenberg Thomas berühmtes Gedicht über Rosa Luxemburg, das provokant auf dessen Antipathie starker, zielbewusster Frauen aufmerksam macht.

Satirische Spurensuche mit Biss

Zwischen Hasstiraden und Liebesbotschaften

Nach der Pause steigt Lerchenberg mit Thomas messerscharfer "Eröffnungshymne" ein, die unter großem Applaus über die bayerische Zentrumspartei herzieht.

Es folgen Auszüge aus der Zeit als Chefredakteur im "Simplizissimus", in der Thoma das Spießertum und die katholischen Priester mit gewohnt zynischem Humor kritisiert. Lerchenberg läuft bei der Lesung des Briefwechsels von "Josef Filser" mit dessen Frau Mari und befreundeten Kollegen zu Höchstform auf. Die dörfliche Mentalität ("verputz das Geld nicht") wird wie die Naivität der Landtagsabgeordneten ("bin froh keine Rede halten zu brauchen, sondern das Maul") durch Thoma mit Ironie und Komik bewitzelt. Beendet werden die Briefe mit einem bayerischen "poscht skriptum" und begeistertem Applaus.

Zum Schluss der Musiklesung folgt eine andere, etwas unschönere Seite des berühmten Ludwig Thoma: Im Wechsel liest Lerchenberg aus wutentbrannten Artikeln im "Miesbacher Anzeigen" und sehnsüchtigen Liebesbriefen an seine unerreichbare Liebe, Maidi Liebermann von Wahlendorf. Thoma brachte nach den Erfahrungen im Ersten Weltkrieg und dieser nie ganz erfüllten Liebe seine satirische Sprachgewandtheit nur noch in diesem größtmöglichen Kontrast zu Papier: Zum einen in "politisch unappetitlichen" Artikeln mit hasserfüllten, teilweise antisemitischen Äußerungen über die Gesellschaft und Politik, zum anderen in träumerischen, nachdenklichen Liebesbotschaften in den Briefen an seine Freundin Maidi.

Thoma stirbt im August 1921, "innerlich zerfressen von Hass und Gram" an Magenkrebs, doch seinem Publikum wird er völlig anders in Erinnerung bleiben, durch seine wunderbaren Geschichten.

Obwohl politisch schwierig, teilweise sehr überzogen und schon beinahe ein Jahrhundert vor unserer Zeit: Ludwig Thoma kann mit seiner satirischen Schreibkunst noch immer einen ganzen Theatersaal füllen und zum Schmunzeln bringen, vor allem wenn er durch einen so starken Schauspieler wie Michael Lerchenberg zum Besten gegeben wird.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren