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16.07.2010

Schweigen hilft nur den Tätern

Landsberg An ein heikles Thema wagten sich jetzt die Jusos und die Landsberger SPD: Bei einer Podiumsdiskussion im Bürgerstift der Arbeiterwohlfahrt sprachen sie mit Experten von Polizei, Jugendamt und Beratungsstellen über "Missbrauch in unserer Gesellschaft".

Dass sexueller Missbrauch nach wie vor als Tabuthema gilt, musste Juso-Chef Bernd Haugg schon feststellen, als er bei der Suche nach einem Veranstaltungsort gleich mehrere Absagen erhielt. Dabei sei es ausgesprochen wichtig, betonten die Experten, dass die Gesellschaft stärker für dieses Thema sensibilisiert werde. "Missbrauchte Kinder senden Botschaften", erklärte die Psychologin Cornelia Gstettenbaur und schilderte den Fall einer Schülerin, die beim Schultheater nicht unter eine Bettdecke schlüpfen wollte. Da sexueller Missbrauch meist im familiären Umfeld stattfinde, sei es umso wichtiger, dass Bezugspersonen wie Erzieherinnen oder Lehrer solche Botschaften erkennen.

Besteht der Verdacht auf sexuellen Missbrauch, empfehlen die Experten den Weg zum Jugendamt oder zu einer Beratungsstelle wie kibs in München. Dort versuche man, so Günther Hartl vom Landsberger Jugendamt, die Wahrheit hinter vagen Verdachtsschilderungen und Verhaltensauffälligkeiten zu finden. Hürden gebe es viele: Kleine Kinder verstünden oft nicht, was passiert sei, ältere blendeten das Geschehene aus oder gäben sich selbst die Schuld. Tragisch werde es, wenn das Umfeld des Kindes den Täter decke und das Missbrauchsopfer so allein lasse. "Da werden die Kinder dann doppelt Opfer", so Cornelia Gstettenbaur.

Die Polizei muss, wenn sie von einem Missbrauchsfall erfährt, auf alle Fälle tätig werden. "Sexueller Missbrauch ist ein Offizialdelikt", erläuterte Charlotte Hofmann, Beauftragte der Polizei Oberbayern-Nord für Frauen und Kinder. "Das heißt auch, dass eine Anzeige nicht mehr zurückgezogen werden kann. Deshalb sollte man sich gut überlegen, ob das Kind dem Druck eines Ermittlungsverfahrens auch gewachsen ist." So sei es leider immer noch üblich, dass Opfer die Vorfälle mehrmals - beim Jugendamt, bei der Polizei und vor Gericht - schildern müssten. Unterstützung gebe es hier vom Weißen Ring, der Missbrauchsopfer zu Behörden und Gerichten begleitet und auch Finanzhilfen, z.B. für Therapien, geben kann. Edgar Gingelmaier vom Weißen Ring Landsberg: "Wir helfen schnell und unbürokratisch, und vor allem haben wir Zeit für die Opfer."

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Was kann nun aber getan werden, um sexuellen Missbrauch zu verhindern? Charlotte Hofmann von der Polizei empfahl, von allen Beschäftigten in sensiblen Bereichen erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse einzufordern. Für Stefan Port von der Beratungsstelle kibs in München sollte dies auch bei ehrenamtlichen Tätigkeiten, vor allem im Sport- und Freizeitbereich, gelten.

Das Thema müsse aber auch in den Schulen stärker behandelt werden. "Das Erkennen von sexuellem Missbrauch und der Umgang damit gehören bereits in die Lehrerausbildung", forderte Stefan Port auch mit Blick auf Vorfälle mit Handy-Pornos oder Übergriffen unter Gleichaltrigen. Für Präventionstheater seien zuletzt aber die öffentlichen Mittel gestrichen worden.

Cornelia Gstettenbaur riet schließlich zu Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskursen für Mädchen, aber auch für Buben. Das unterstützte auch die stellvertretende Landrätin Ruth Sobotta: "Es muss dem Kind erlaubt sein, den Onkel nicht zu küssen, wenn es das nicht will."

Letzten Endes, herrschte Einigkeit unter den Experten, sei die Verhinderung und Aufdeckung von sexuellem Missbrauch eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. So rief auch der Landsberger SPD-Vorsitzende Steven Kalus in seinem Schlusswort dazu auf, mehr Aufmerksamkeit und Courage zu zeigen: "Schweigen hilft nur den Tätern." (lt)

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