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05.06.2009

Seelische Aufbauarbeit

Kaufering Das leise Ticken der kleinen Uhr auf dem Wohnzimmerschrank wird übertönt vom Rasenmäher, der unten vor dem Wohnblock im Herzen Kauferings durch die Wiese surrt. Hannelore S. sitzt in ihrem Wohnzimmersessel und blickt nach draußen. Monatelang ist sie nicht nach draußen gegangen - seit damals im Sommer 2008, als die Schmerzen im operierten Knie zu schlimm waren. "Ich habe mich nicht raus getraut. Ich wusste, dass ich in meiner Wohnung sicher war. Ich hatte Angst, dass ich Heim lande, wenn mir draußen was passiert."

Heute sind die Sorgen der 69-Jährigen, die allein in der kleinen Wohnung in dem großen Wohnblock und von einer Berufsunfähigkeitsrente lebt, fast verschwunden - dank des Netzwerks Kaufering. "Zwei Damen kommen mehrmals die Woche und helfen mir beim Haushalt und beim Einkaufen. Mein Leben hat sich von heute auf morgen verändert, hin zur Zufriedenheit. Ich bin sehr dankbar." Die blauen Augen von Hannelore S. leuchten bei diesen Worten. Eine Nachbarin machte sie damals auf das Netzwerk Kaufering aufmerksam.

Es ist ein Netz aus ehrenamtlichen Mitarbeitern, das seine "Klienten" auffängt und dessen Angebot sich vor allem an Senioren richtet. Aber auch an alle anderen Menschen, die einer schweren anhaltenden Erkrankung oder wegen einer Behinderung auf Hilfe und Unterstützung sowie Begleitung im täglichen Leben angewiesen sind. "Die Leute gestehen es sich oft nicht ein, dass sie Hilfe brauchen", sagt Netzwerk-Leiter Peter Braun. "Wenn sie sich dann bei uns melden, stellt sich oft heraus, dass der Betreuungsbedarf viel größer ist." Rund 30 ehrenamtliche Mitarbeiter betreuen derzeit rund 50 "Klienten" und helfen bei Alltagsdingen wie Einkaufen, bei Behördengängen, Arztbesuchen, sorgen dafür, dass Medikamente regelmäßig eingenommen werden, gehen im Haushalt zur Hand und bei vielem mehr. Oder sie sind einfach nur zum Reden da, so wie Ernestine Klötzing.

Die Kauferingerin besucht etwa dreimal pro Woche eine 85-jährige demente Frau. "Ich leiste seelische Aufbauarbeit", sagt Klötzing. Aber es ist nicht nur das Dasein für andere Menschen. Das Netzwerk hilft auch in anderen Bereichen. "Wir sind vernetzt mit professionellen Pflegediensten, Ärzten und anderen Betreuern", sagt Peter Braun. Der Netzwerk-Leiter ist Sozialpädagoge und Psychotherapeut und Experte im Pflegebereich. "Es geht uns nicht darum, die Menschen zu missionieren, sondern ist eine Art des Helfens, die Lebenseinstellung des zu Betreuenden stehen zu lassen."

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Deshalb sollten die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Netzwerks Toleranz mitbringen. Ganz weit oben angesiedelt ist auch das Vertrauensprinzip. "Das ist Grundvoraussetzung, ebenso wie das Interesse und die Liebe zum Menschen", sagt Peter Braun. Das Netzwerk arbeitet nach dem Solidaritätsprinzip: Bei Betreuung des Netzwerks wird ein Höchstbetrag von acht Euro angesetzt. Wer sich die Betreuung nicht leisten kann, dem wird trotzdem irgendwie geholfen. Auch wenn gewisse Leistungen des Netzwerks über Krankenkassen und Sozialamt abgedeckt werden können, besteht laut Braun ein Defizitvertrag mit der Gemeinde.

Mitarbeiter gesucht

Das Netzwerk sucht weiterhin Mitarbeiter, um das Angebot ausbauen zu können. "Denn der Bann ist mittlerweile gebrochen und die Leute trauen sich, sich bei uns zu melden", sagt Braun im Bezug auf steigende "Klienten"-Zahlen. Hannelore S. ermutigt andere Menschen, die Scheu abzulegen und sich beim Netzwerk zu melden. "Solange mir geholfen wird, habe ich keine Angst, in ein Heim zu kommen."

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