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Ausstellung

26.02.2019

Seh-Geschichten im Kunstraum

Die Präsentation Cinétique verführt zum genauen Hinsehen. Je mehr man sich darauf einlässt, desto mitteilsamer ist die Kunst

Kugel oder nicht, die Frage ist geklärt. Doch gelehrter Aristoteles hin, unbeugsamer Galilei her, ganz so eindeutig ist die Sache nicht, zumindest nicht in der Kunst, die ja gerne einmal einen anderen, eigenen Blick auf die Welt riskiert.

Wenig überraschend: Die so seltene Einigkeit kluger Köpfe über viele Jahrhunderte und alle Disziplinen hinweg fordert Querdenker zum Widerspruch geradezu heraus – etwa Aleksander Drakulic, der Beobachtern mit seiner Arbeit „Catc-hit03“ vor Augen führt: „…und sie dreht sich doch – nicht; und ist auch keine Kugel!“ Fast möchte die Hand nachprüfen, was sich dem Blick nur allmählich erschließt: Alles ist plan, es gibt keine Wölbung, sondern nur eine mittig ins Quadrat gesetzte Kreisfläche, die der Slowene mit gekrümmten schwarz-weißen Dreiecksketten so gestaltet, dass die Täuschung einer im Raum schwebenden Kugel entsteht.

Wer genau hinsieht, den verwickelt die aktuelle Ausstellung im Kunstraum Stoffen mit jedem der gezeigten 21 Werke von Künstlern aus nicht weniger als elf Ländern in ähnlich raffiniert ausgedachte und streng durchkomponierte Seh-Geschichten: mit meist gleichmäßig verlaufenden Entwicklungen, die den Blick durch das Bild führen und in dieser – auch zeitlichen – Abfolge tatsächlich immer auch einen narrativen Akzent setzen. Ohne konstruiert zu wirken, geben sich die Exponate der Ausstellung dennoch deutlich als Vertreter der Konkreten beziehungsweise konstruktiv-geometrischen Kunst zu erkennen, legen aber, daher der Titel „Cinétique“, den Schwerpunkt auf das Moment der Bewegung.

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Diese mag wie im Falle Roger Vilders Arbeit „2 rote Linien“ mit motorengetriebenen, mechanischen Komponenten oder bei dem Armenier David Apikan in „Evolution 3“ als animierter Film digital sichtbar gemacht werden; in Bewegung versetzt werden kann aber ebenso die Wahrnehmung, mit der sich der Betrachter wie bei Pascal Fanconys „4 Rotationen von 3 Rechtecken Variation Nr. 5“ in angedeutete Bewegungsabläufe hineinversetzt oder diese, etwa nach Charles Bézies Vorgabe in „Fiborythm N˚1577“ gedanklich fortsetzt. Der Logik mathematischer Zahlenreihen entweder zu folgen oder aber sich nur ihrer subtilen Ästhetik zu erfreuen, dazu lädt der neben Ingrid Hornef einzige deutsche Kinetiker, Gerhard Hotter, mit seinen auf Langfordschen Zahlensequenzen aufbauenden Arbeiten ein.

„Abgestuftes Orange“ macht der japanische Künstler Go Segawa in eingeschnittenen und zum Würfel zusammengesteckten, transparenten PVC-Folien sichtbar. Je mehr der gitterförmig angeordneten, mit Pigmenttinte colorierten und unterschiedlich großen Kreisflächen einander überlagern, desto weniger durchscheinend und damit dunkler wirkt das Orange. Nur zufällig erscheint diese filigrane Arbeit mit ihrem zart leuchtenden, schwebenden Feuerball wie eine Metapher für die Heimat Go Segawas, das „Land der aufgehenden Sonne“; die sehr eindrucksvolle Werkgruppe, der „Abgestuftes Orange“ entstammt, zeigt weitere, ähnlich monochrom angelegte Plastiken in anderen, teils aber auch „Körper“, die sich aus mehreren Farben aufbauen.

Die von Milija Belic kuratierte und aufs kleine Format beschränkte Wanderausstellung nahm ihren Ausgang in der Autorengalerie „Abstrakt Project“ in Paris und macht nach Budapest, Krajn in Slowenien und Wien nun Station in Stoffen, bevor sie Ende dieses Jahres letztmals in München gezeigt wird. Einmal mehr beweist sich der Kunstraum Stoffen mit Cinétique als herausragender Ausstellungsort für die Konkrete Kunst in Deutschland. Neben den bereits Genannten sind mit je einem Werk vertreten: Françoise Aubry, Joël Besse, Jean-Luc Bruckert, Natacha Caland, Delnau, Philippe Rips, Yumiko Kimura, Jun Sato, János Szász Saxon, Viktor Hulík, Milija Belic, Francesc Bordas und Maria Arvelaiz Gordon.

Zu sehen ist die Ausstellung unter dem Titel „Cinétique“ noch bis Sonntag, 31. März, immer samstags und sonntags, 14 bis 18 Uhr im Kunstraum Stoffen, Stadler Straße 2.

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