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Kaufering

31.08.2018

Sie leben in einer Welt ohne Töne

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2 Bilder
Beim Sommerfest des Gehörlosenvereins Landsberg in Kaufering war einiges los.
Bild: Julian Leitenstorfer

Die LT-Sommerreihe „der besondere Verein“. Heute: der Gehörlosenverein Landsberg. Viele neue technische Hilfsmittel erleichtern den Mitgliedern den Alltag.

Wenn man nicht hören kann, ist es dann still in einem? Wie ist das Leben, wenn man nicht weiß, was Musik ist? Vieles kann ich mir vorstellen. Wie es wäre ein Superheld zu sein, ein Vogel, ein Mann. Ich kann Blindheit simulieren und mit einem Tuch vor Augen einen Tag lang durch die Gegend stolpern. Ich kann wochenlang schweigen und versuchen, der Welt ohne gesprochene Sprache klar zu machen, was ich will. Nur zwei Sinne kann man willentlich nicht abstellen: den Geruchs- bzw. Geschmackssinn und das Hören. Selbst Ohrstöpsel lassen Geräusche durch. Fazit: Wir hören immer und ständig, auch wenn wir viele Hintergrundgeräusche selten wahrnehmen. Das Hören ist permanenter Bestandteil unsers Lebens und vor allem unserer Kommunikation. Wie also lebt man, wenn man nichts hört?

Durcheinander plappern - das funktioniert nicht

In Kaufering steht unten am Lech ein schmuckes Häuschen mit einem großen Garten. Wir sitzen unterm Schatten spendenden Apfelbaum, Kinder flitzen in Badehose hin und her, einige Erwachsene beobachten uns, um dann immer wieder in eigene lautlose Gespräche abzudriften. Wir, das sind Jürgen Lindner, Vorsitzender vom Gehörlosenverein Landsberg, Karl Baur, der Ehrenpräsident, dann Werner Schmitt, der Zweite Vorsitzende, die Gebärdensprachendolmetscherin Michaela Möckl aus Augsburg und die Autorin vom LT.

Es braucht Aufmerksamkeit und ständigen Blickkontakt, dann gewöhnt man sich schnell an diese spezielle Form der Kommunikation. Es ist eine Mischung aus Gebärden, Mimik, Körpersprache, Lippenbewegung und mehr oder weniger artikulierten Lauten. Durcheinander reden geht nicht. Wer etwas sagen will, macht sich bemerkbar. Gelegentlich muss man warten, bis eine private Unterhaltung zu Ende ist und die Augen wieder aufmerksam sind.

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Die Mitglieder helfen sich gegenseitig im Alltag

Laut dem Deutschen Gehörlosenbund leben in Deutschland rund 80.000 bis 100.000 Gehörlose, dazu kommen etwa 16 Millionen Schwerhörige, von denen 140.000 einen Behinderungsgrad von mehr als 70 Prozent aufweisen und somit auf Gebärdensprach-Dolmetscher angewiesen sind. Der Landsberger Verein mit Sitz in Kaufering hat aktuell 140 Mitglieder. Jürgen Lindner listet 40 Gehörlose aus Kaufering, 20 aus Landsberg sowie einige aus den angrenzenden Gemeinden und Landkreisen.

Seit den 1920er-Jahren sind in der Vereinschronik erste Treffen verzeichnet, offizielles Gründungsjahr ist 1933. Das Ziel: Gehörlose aus der Einsamkeit holen. Denn wer in der „normalen“ Welt nicht mitreden kann, ist schnell isoliert. Man kann nicht mal eben mit dem Nachbarn quatschen, sagt Karl Baur, kann nicht ins Theater oder ins Kino gehen. Also sorgt der Verein, oder wie Jürgen Lindner sagt, „unsere große Familie“ dafür, das alle in Bewegung bleiben. Neben den regelmäßigen wöchentlichen Treffen gibt es eine Mutter-Kind-Gruppe, Kegeltreffen, Faschings- und Silvesterfeiern, Sommerfeste, Familientage und alle drei Jahre eine große Kulturreise beispielsweise nach New York, Malta oder im nächsten Jahr nach Sizilien.

Manche Mitglieder sind seit Geburt gehörlos

Höhepunkt, da sind sich alle einig, ist das in den Jahren 1994 und 1995 fast vollständig in Eigenregie gebaute „Haus der Gehörlosen“ in Kaufering - oder wie es alle liebevoll nennen: „der Club“.

Die Gründe für Gehörlosigkeit sind vielfältig. Der Schlosser Karl Baur, 70, etwa hat mit elf Jahren nach einer Mumpserkrankung das Gehör verloren. Diplomingenieur Werner Schmitt, 60, hatte als Baby Scharlach. Der Grafiker Jürgen Lindner, 43, dagegen ist seit Geburt gehörlos.

Er hat mit Hilfe von Logopäden Sprechen gelernt, sodass man ihn auch ohne Dolmetscher gut verstehen kann. Seine Frau ist ebenfalls gehörlos, ihre beiden Kinder sind zwar mit Gebärdensprache als Muttersprache aufgewachsen, können aber ganz normal sprechen. Sohn Jonas, 12, empfindet es sogar als Vorteil, weil er mit seinen Kumpels sprechen könne, ohne dass andere ihn verstehen. Welches Kind wünscht sich nicht eine Geheimsprache?

Lange Zeit war die Gebärdensprache verboten

Die Zeiten für Gehörlose sind gut, zumindest besser als früher. Smartphone und allerlei technische Hilfsmittel erleichtern ihnen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Auch hätten, so Lindner, nicht mehr so viele Menschen Berührungsängste. Lange Zeit war die Gebärdensprache an den Kindergärten und Schulen in Deutschland verboten. Zwei pädagogische Konzepte standen einander gegenüber, die „französiche“ Gebärdensprache, eingeführt von Pariser Geistlichen Abbé Charles Michel de L’Epée, und die „deutsche“ Lautsprache. Nach dem Mailänder Kongress 1880 wurde die Gebärdensprache in fast allen Schulen verboten. Rund 100 Jahre hat es gedauert, bis man den Irrtum erkannte und aufhob.

Mittlerweile geht es lebhaft und lustig zu am Tisch. Was ist ihnen noch wichtig?

Da sind sich alle einig: die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Die Gehörlosenlobby ist nicht sonderlich stark, immer noch ist es schwierig, einen Dolmetscher finanziert zu bekommen. Blinde bekommen Blindengeld, die Gehörlosen nichts. Ein Dolmetscher ist für alles nötig, den Theaterbesuch, die Universität, den Arztbesuch, bei einem Unfall, beim Elterngespräch in der Schule, eigentlich jeglicher Informationsaustausch, der über die gesprochene Sprache erfolgt.

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