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Dießen

07.07.2020

Sind die Ammersee-Renken vom Aussterben bedroht?

Bernhard Ernst von der Fischereigenossenschaft Ammersee beobachtet, dass das Wasser des Ammersees immer wärmer wird und sorgt sich um die wirtschaftlich wichtigste Fischart, die Renke.
Bild: Julian Leitenstorfer

Plus Ein Blick in die Statistiken zeigt: Das Wasser des Ammersees wird in Zeiten des Klimawandels immer wärmer. Das hat Auswirkungen auf die Tierwelt. Der Ökologe und Fischer Dr. Bernhard Ernst aus Utting analysiert die Lage.

Es dauerte nach dem Sommeranfang nur wenige Tage, bis die Wassertemperatur des Ammersees heuer wieder die 20-Grad-Marke geknackt hat. Was die Erholungssuchenden freut, macht die Fischer am See jedoch nachdenklich. Auch der Ammersee ist dem Klimawandel ausgesetzt – und der könnte auch negative Folgen für die Fischwelt, so wie wir sie jetzt kennen, haben. Der Vorsitzende der Fischereigenossenschaft, der Gewässer-Ökologe und Fischer Dr. Bernhard Ernst, aus Utting hat die Lage kürzlich in einem Zeitschriftenbeitrag analysiert.

Ernst hat dazu unter anderem die seit November 1980 ermittelten Werte der Stegener Station des Gewässerkundlichen Dienstes Bayern ausgewertet. Demnach stieg die mittlere Wassertemperatur an der Oberfläche in dieser Zeit von 9,3 auf zwölf Grad. Das sei ein deutlich stärkerer Anstieg als die seit 1931 festgestellte Erwärmung der Luft von sieben auf 8,2 Grad.

Dass der See zufriert, ist kaum noch der Fall

Dementsprechend kommt es immer seltener vor, dass der See im Winter zufriert. Geschah das in den beiden vergangenen Dekaden des 20. Jahrhunderts noch viermal (1985, 1986, 1987 und 1997), trat das in den ersten zwei Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts nur noch einmal, und zwar 2006, ein. Zwischen 1980 und 2000 lag die höchste Tagestemperatur des Ammersee-Wassers nur viermal über 24 Grad, seit 2000 war das bereits zwölfmal der Fall.

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Was Schwimmer und Wassersportler freut, macht vielen Ammersee-Fischen das Leben schwer. Seeforellen, Renken und Äschen bevorzugten Wassertemperaturen bis 19 Grad, mehr als 20 Grad gelten als ungünstig, förderten bakterielle Erreger, Viren und Parasiten, führt Ernst aus. Die 20-Grad-Schwelle werde aber immer früher im Jahr erreicht, 2017 und 2018 bereits Ende Mai, und ende immer später. So sei der Ammersee Anfang der 1980er-Jahre lediglich an etwa 20 Tagen im Jahr wärmer als 20 Grad gewesen, 2018 schon 88 Tage. Die Folge: Die wichtigste Fischart im Ammersee, die Renke, wechselt in tiefere Wasserschichten, doch das ist ein schlechterer „Weidegrund“ für die Fische als der oberflächennahe Bereich. Die Fische drängten sich an wenigen Punkten zusammen, die Ernährungslage verschlechtere sich dadurch. Momentan sind die Renken zwar recht groß, doch die Fangzahlen schwanken.

Profitieren wärmeliebende Arten?

Andererseits beschleunigten steigende Wassertemperaturen den Stoffwechsel der Fische. Wärmeliebendere Arten wie Karpfen, Zander, Hecht und Waller wachsen dadurch stärker – allerdings nur, wenn sie ein entsprechendes Nahrungs- und Sauerstoffangebot vorfinden, so Ernst weiter. Ist das nicht der Fall, drohen körperlicher Stress und Mangelerscheinungen.

Eine große Befürchtung ist, dass etwa ab 2030 die Jahrestiefsttemperatur nicht mehr unter vier Grad absinkt. Bislang schichtet sich das Wasser im Frühjahr ab dem Zeitpunkt, an dem es wieder wärmer als vier Grad ist, und dieser Vorgang endet, wenn im Winter die Temperatur auf vier Grad fällt. Anschließend wälzt sich das Wasser bis zum Frühjahr um. Das bringt Ungleichheiten wieder ins Lot und bilde die Basis für eine neue Vegetationsperiode, erklärt der Uttinger Fischer und Wissenschaftler. Doch diese Durchmischungszeit hat sich nach seinen Beobachtungen in den vergangenen 40 Jahren bereits um 45 Tage oder 20 Prozent verringert, in manchen Jahren ist der See nur noch von Januar bis März kühler als vier Grad, früher war das noch vom Nikolaustag bis um den 20. April herum der Fall.

Die Nahrung wird schneller aufgebraucht

Der See erwärmt sich im Frühjahr immer schneller, und durch die höheren Temperaturen werden, so Ernst, die Nährstoffe bereits früher aufgebraucht. Wenn kein Hochwasser den See eintrübt, dringt das Sonnenlicht intensiver in den See bis in die sogenannte Sprungschicht zwischen Oberflächenbereich und Tiefe und begünstigt das Wachstum etwa der fischungünstigen Burgunderblutalge. Sauerstoff werde stärker ausgezehrt und könne im späten Herbst für die Fische kritische Tiefstwerte erreichen.

Bild: Julian Leitenstorfer

Bereits in einigen Jahren – 2025 – sei nach einer bereits 2004 erfolgten Modellrechnung französischer Forscher damit zu rechnen, dass der Ammersee sich nicht mehr regelmäßig und ab 2060 nur mehr in wenigen Jahren bis zum Grund umwälzt. Die Folgen etwa für die Renke? Positiv wirke vermutlich, dass sich für viele Fischarten der reserveraubende Winter verkürzt und dass im Frühling früher und im Herbst länger Nahrung im Epilimnion (Oberflächenwasser) zu nutzen ist. „Im Gegenzug tut sich aber für viele Fischarten die sommerliche Hungerphase auf, in der vor allem Renken immer länger durch Oberflächentemperaturen über 20 Grad in die Tiefe und bisweilen durch die in der Sprungschicht gedeihende Burgunderblutalge sogar in die Tiefenschicht gezwungen werden.“ Bislang, so die Einschätzung Ernsts, halten sich beide Faktoren noch die Waage.

Was die Fischer tun können

Gravierend sei aber die Sauerstoffproblematik über dem Gewässergrund. Wenn die Renken Anfang Dezember laichen, sinke der Laich unter den beschriebenen Umständen schon bald in Bereiche mit niedrigen Sauerstoffkonzentrationen, was die Fortpflanzung beeinträchtige. Fazit: Die Fischerei müsse auch Vorkehrungen treffen, um auch künftig die Vermehrung sicherzustellen, etwa durch die Optimierung der Bruthäuser. Andererseits könnten auch andere Arten wirtschaftliche Bedeutung gewinnen, und die bisherigen Erfahrungswerte zur saisonalen Verteilung der Fische und ihren Verhaltensmustern könnten künftig nicht mehr zutreffen.

Vor allem aber, so Dr. Bernhard Ernst, sei es höchste Zeit, die Probleme grundsätzlich anzugehen und dem Anstieg der globalen Temperatur durch eine Reduzierung der sogenannten Treibhausgase entgegenzusteuern. Ernst: „Wir müssen jetzt handeln, bevor den Eisbären die Eisschollen unter den Füßen wegtauen und bevor die Renken von den oberbayerischen Grilltellern verschwinden.“

Mehr zur Frage, wie sich der Klimawandel allgemein im Landkreis Landsberg auswirkt, findet sich in einer 2019 im Landratsamt vorgestellten Studie: Klimawandel: Alles nicht so schlimm im Landkreis Landsberg?


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