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Landsberg/Göttingen

10.06.2019

Tod im Geisterhaus: Der Staatsanwalt sieht keinen Mord mehr

Der 29-jährige Angeklagte mit seinem Verteidiger Rechtsanwalt Henner Garth.
Bild: pid/Heidi Niemann

Plus Die Tat eines Mannes aus Landsberg wird von der Staatsanwaltschaft im Plädoyer als Totschlag gewertet. Der Rechtsanwalt des Angeklagten spricht von einem „Streit unter trinkenden Männern, der eskaliert ist“.

Im Prozess um eine zerstückelte Leiche hat die Staatsanwaltschaft am Freitag in ihrem Plädoyer vor dem Landgericht Göttingen für den Angeklagten eine Freiheitsstrafe von neun Jahren gefordert. Der aus Landsberg stammende 29-Jährige habe sich des Totschlages und der Störung der Totenruhe schuldig gemacht. Außerdem beantragte die Staatsanwaltschaft, ihn in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen. Denn der Mann wird als gefährlich eingestuft.

Damit folgte die Staatsanwaltschaft der Empfehlung eines psychiatrischen Sachverständigen. Dieser war in seinem Gutachten zu dem Ergebnis gekommen, dass der 29-Jährige zur Tatzeit vermindert schuldfähig gewesen sei. Aufgrund seiner bislang unbehandelten Persönlichkeitsstörung und Suchtproblematik sei er als gefährlich einzustufen, was eine Unterbringung im Maßregelvollzug erforderlich mache. Das Urteil soll am Mittwoch gesprochen werden.

Mordlust und niedere Beweggründe waren nicht nachzuweisen

Das Tötungsdelikt war monatelang unentdeckt geblieben und erst durch den Angeklagten selbst als Licht gekommen. Dieser hatte sich im August in seinem Heimatort Landsberg das Leben nehmen wollen und war anschließend in eine psychiatrische Fachklinik gekommen. Dort beichtete er dann, im Dezember 2017 an seinem damaligen Wohnort in Katlenburg-Lindau (Kreis Northeim) einen 37-jährigen Hausnachbarn getötet zu haben. Später habe er die Leiche zerteilt und in der Nähe des Wohnhauses in der Feldmark vergraben.

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Damals berichtete das LT: Landsberger tötete offenbar einen Mann in Niedersachsen

Die Staatsanwaltschaft hatte ihn deshalb ursprünglich wegen Mordes angeklagt. Sie warf ihm vor, den 37-Jährigen aus Mordlust getötet zu haben. Ihm sei es darauf angekommen, seine zuvor über eine okkultistische Vereinigung erworbenen Kenntnisse anwenden und das Zerteilen der Leiche zelebrieren zu können.

Mehr dazu wurde nach Abschluss der Ermittlungen im November berichtet: Erdrosselt, zerstückelt, vergraben: Landsberger wegen Mordes vor Gericht

Diesen Vorwurf ließ der Staatsanwalt nun fallen, statt als Mord sei die Tat als Totschlag einzustufen. Im Zuge der Beweisaufnahme hätten sich weder das Motiv der Mordlust noch andere Mordmerkmale wie beispielsweise niedere Beweggründe nachweisen lassen. Es hätten sich keine Hinweise darauf ergeben, dass die Tat auf rituelles Verhalten zurückzuführen sei. Vielmehr sei davon auszugehen, dass ein Streit zwischen dem Angeklagten und seinem 37-jährigen Nachbarn eskaliert sei.

Das Leben durch Alkohol und Drogen versaut

Der Nebenklagevertreter, der den Bruder des Angeklagten vertritt, stellte keinen konkreten Antrag, plädierte aber ebenfalls für eine Unterbringung des mehrfach wegen Gewaltdelikten vorbestraften Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus. „Weil Sie krank sind, sind Sie auch gefährlich“, sagte Rechtsanwalt Stefan Hörning. Der Angeklagte habe sich durch Alkohol und Drogen sein Leben „so versaut, wie man es sich schlimmer nicht versauen kann“, sodass er am Ende sogar in der Lage gewesen sei, einen Menschen zu töten. Es sei bedauerlich, dass sich der 29-Jährige erst sehr spät und nur über eine Verteidigererklärung eingelassen habe, aber keine Fragen beantwortet habe. So sei vieles unklar geblieben, dies gebe Raum für Spekulationen.

Der Bruder des Getöteten appelliert an den Angeklagten

Der Bruder des Getöteten richtete einen persönlichen Appell an den Angeklagten: „Sie werden bis ans Ende Ihrer Tage mit dem Bewusstsein aufwachen und schlafen gehen, einen Menschen – nämlich meinen Bruder – getötet zu haben“, sagte er unter Tränen. „Werden Sie endlich ehrlich, zeigen Sie Reue und erzählen Sie, wie es wirklich war!“

Der Verteidiger stufte die Tat als Körperverletzung mit Todesfolge ein und plädierte auf eine Gesamtfreiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren. Sein Mandant sei nach Lindau gezogen, weil er einen Neuanfang machen wollte und auf das Online-Angebot des Vermieters hereingefallen sei, sagte Rechtsanwalt Henner Garth. Dem Vermieter sei es darum gegangen, mit dem von ihm propagierten Hüterorden leichtgläubige Mieter zu finden. Die Menschen, die an okkulten Dingen Interesse hatten und dort einzogen, seien ein „Grüppchen skurriler Figuren und gescheiterter Existenzen“ gewesen, die „am Ende harmlos waren“. Die Tat habe nichts mit Ritualen zu tun, sondern sei ein „Streit unter trinkenden Männern“ gewesen, „der leider mit diesen Folgen eskaliert ist“. Der Angeklagte habe den 37-jährigen weder töten wollen noch dessen Tod billigend in Kauf genommen.

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