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Denklingen

22.10.2020

Tödlicher Baustellenunfall in Denklingen: Wer jetzt nach der Ursache sucht

Die Unfallstelle in Denklingen am Tag danach.
Bild: Julian Leitenstorfer

Plus Auch Berufsgenossenschaft und Gewerbeaufsicht wollen wissen, was beim Unfall mit vier Toten in Denklingen passierte. Worauf es beim Gießen einer Betondecke ankommt und was Experten sagen.

Es war ein schrecklicher Unfall, der viele Fragen aufwirft. Vor einer Woche sind vier Männer auf einer Baustelle in Denklingen von einer einstürzenden Betondecke getötet worden. Die Ursachen des Unglücks werden derzeit untersucht. Das Landsberger Tagblatt hat mit Experten gesprochen.

Der Unfall ereignete sich auf dem Gelände eines Bauunternehmens. Eine Betondecke sollte zwischen zwei Gebäuden entstehen. Der Beton wurde am Morgen gegossen, kurz nach 11 Uhr stürzte die Decke ein und begrub vier Mitarbeiter des Unternehmens unter Trümmern und Beton. Die Ursache ist bisher unbekannt. Die Kriminalpolizei Fürstenfeldbruck ermittelt gegen Unbekannt. Das hatte Andreas Aichele vom Polizeipräsidium Oberbayern am Dienstag gegenüber dem LT gesagt. Die Staatsanwaltschaft hat einen weiteren Gutachter beauftragt. Aichele geht davon aus, dass das Gutachten erst in einigen Wochen bis Monaten vorliegen wird.

Norbert Kees ist Chef der Bauinnung im Landkreis Landsberg.
Bild: Thorsten Jordan (Archiv)

„In unserer Branche herrscht große Betroffenheit“, sagt der Obermeister der Bauinnung Landsberg, Norbert Kees. „Wir sind in stiller Anteilnahme bei den Angehörigen und bei dem Unternehmen.“ Zum Unglück will sich der Bauingenieur nicht äußern. Er sagt nur, dass selbst Fachleute rätseln würden, was geschehen sein könnte. Kees betont, dass jetzt nicht über mögliche Ursachen spekuliert werden, sondern der Bericht der Gutachter abgewartet werden sollte. Das regionale und überregionale Baugewerbe prüfe auch, wie man die Angehörigen unterstützen könne.

Ein Statiker erklärt, was beim Gießen einer Betondecke wichtig ist

Kurt Kretzschmar lebt am Ammersee und arbeitet seit über 40 Jahren als Statiker und Tragwerksplaner. „Ich habe in meiner bisherigen Laufbahn keinen Fall mitbekommen, bei dem Derartiges passiert ist“, erzählt der 69-Jährige. Er kenne die Medienberichte und könne sich nur grundsätzlich zur Fertigung einer Betondecke äußern. Generell sei es so, dass ein Statiker berechne, wie die Stahlbewehrung einer Betondecke ausgeführt werden müsse, also die Stahlgitter, die im Beton eingegossen sind. Dass eine Statik erstellt werden müsse, dazu gebe es gesetzliche Vorgaben. „Bei großen Bauwerken prüft zusätzlich ein Prüfsachverständiger.“

Das Lehrgerüst muss in gewissen Fällen mit Streben ausgesteift werden

Das sogenannte Lehrgerüst für die Schalung einer Betondecke werde im üblichen Wohnungsbau nicht von einem Statiker gerechnet. Laut Kurt Kretzschmar gibt es typengeprüfte Vorgaben, bei welchem Gewicht wie viele genormten Stützen zu verwenden sind. „Normalerweise macht das die Baufirma oder die Gerüstfirma.“

Bei einer komplexeren Konstruktion könne natürlich auch ein Statiker mit der Berechnung des Lehrgerüsts beauftragt werden. Ein derartiges Gerüst trage beim Betonieren die Last. Erst wenn der Beton erhärtet sei, liege die Last der Decke auf Pfeilern, wie sie auch auf den Fotos von der Unglücksstelle zu sehen seien.

Bei einer Betondecke zwischen zwei Gebäuden wie am Unglücksort sei es wichtig, dass das Lehrgerüst beispielsweise mit diagonalen Streben ausgesteift wird, „vor allem, wenn keine umgebenden Wände da sind“. Wichtig ist laut Kretzschmar auch, dass die Stützen des Lehrgerüsts auf sicherem Untergrund stehen beziehungsweise so abgesichert werden, dass nichts absacken kann.

In Denklingen sind vier Männer auf einer Baustelle ums Leben gekommen. Polizeisprecher Andreas Aichele erklärt, was dort passiert ist.
Video: Thorsten Jordan

Vor Ort an der Unglücksstelle waren am vergangenen Freitag auch Mitarbeiter des Gewerbeaufsichtsamts, das bei der Regierung von Oberbayern angesiedelt ist. Ermittelt werde bei Arbeitsunfällen, ob gegen geltende Arbeitsschutzvorschriften verstoßen wurde, erläutert ein Pressesprecher der Bezirksregierung das generelle Prozedere. Ziel sei es auch, diese Erfahrungen in neue Arbeitsschutzvorschriften einzubringen und so zukünftig Unfälle zu vermeiden. Unterstützt werde auch die Arbeit der Kriminalpolizei bei Fragen zum Thema Arbeitsschutz.

Auf einer Baustelle in Denklingen ist am Freitagvormittag ein Gerüst eingestürzt. Mehrere Arbeiter wurden verschüttet, vier von ihnen sind tot.
16 Bilder
Betondecke stürzt auf Baustelle ein: Der Großeinsatz der Rettungskräfte in Bildern
Bild: Thorsten Jordan

Ein ähnliches Interesse hat auch die Berufsgenossenschaft (BG): Zwei Aufsichtspersonen, die für das betroffene Bauunternehmen zuständig sind, kamen vor einer Woche nach Denklingen. Aus den gesammelten Analysen aller Arbeits- und Wegeunfälle leitet die BG BAU laut einer Pressesprecherin notwendige präventive, betriebliche oder behördliche Maßnahmen ab, um ähnliche Unfälle in Zukunft zu verhindern. Die BGBau sei die gesetzliche Unfallversicherung für die Bauwirtschaft und sie sichere bei einem tödlichen Arbeitsunfall die Hinterbliebenen mit gesetzlichen Leistungen ab. Laut BG Bau kam es in Deutschland 2016 zu 98, in 2017 zu 101 und in 2018 zu 124 tödlichen Arbeits- und Wegeunfällen in der Baubranche. 2018 hatte die Berufsgenossenschaft rund 585.000 Mitgliedsbetriebe und fast drei Millionen Versicherte.

Die Zahl der tödlichen Betriebsunfälle steigt deutschlandweit

Im Zeitungsarchiv des LT stößt man immer wieder auf Unfälle am Bau im Landkreis Landsberg, bei denen Arbeiter teilweise auch schwer verletzt wurden. Bauarbeiter stürzten vom Gerüst oder in Schächte. Und es passierte auch, dass Arbeitsmaterial umstürzt oder beim Transport aus der Halterung rutscht und Menschen trifft. Im Jahr 2004 zum Beispiel starb im Landkreis Landsberg ein Lkw-Fahrer beim Kiesabladen, als die Mulde des Lkw-Aufliegers ins Rutschen kam und die Fahrerkabine traf. Beispiele mit tödlichen Ausgang finden sich im Zeitungsarchiv aber eher bei Unfällen während Forstarbeiten.

Ein Bauunfall hat sich aktuell am Dienstag in Weiler-Simmerberg im Landkreis Lindau ereignet. Ein Kranfahrer wurde dabei verletzt, als ein 48 Tonnen schwerer Kran umstürzte. Wie berichtet, war die Stütze des Krans weggerutscht, da sich im Boden eine Grube befunden hatte, von der man nichts wusste.

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