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Dießen

06.07.2017

Üben, auf rassistische Sprüche zu reagieren

Judith Amler von Attac  bildet im Rahmen des bundesweiten Bündnisses „Aufstehen gegen Rassismus“  Stammtisch-KämpferInnen aus.
Bild: Miriam Anton

Das Aktionsbündnis „Aufstehen gegen rechts“ trainiert „StammtischkämpferInnen“: Wie bietet man seinem Gegenüber am besten Paroli?

Wie reagiert man möglichst schlagfertig auf rassistische Sprüche im Alltag? Das wollten die 24 Teilnehmer am Samstag im Seminar „StammtischkämpferInnen“ herausfinden, zu dem die „Mittwochsdisko“, eine Diskussionsrunde politisch interessierter Dießener, eingeladen hatte. Im evangelischen Gemeindehaus in Dießen erarbeite Trainerin Judith Amler gemeinsam mit den Teilnehmern Strategien, um für rassistische Äußerungen künftig gewappnet zu sein. Das Seminar ist Teil der Kampagne „Aufstehen gegen Rassismus“, ein im Frühjahr 2016 gegründetes bundesweites Bündnis aus verschiedenen Organisationen, Parteien und Verbänden. Darunter Attac, die Grünen, Jusos, Naturfreunde, Die Linke, ver.di und der Zentralrat der Muslime.

„Ziel des Bündnisses ist eine breite gesellschaftliche Bewegung gegen AFD und Rassismus“, erklärte die Aktivistin Amler. Die AFD hetze derzeit vor allem gegen Geflüchtete. Gezielt stelle sie dabei Zuwanderung und Flucht als gesteuerte und von Regierung, Opposition und Medien geförderte Bedrohung dar. Daher sei es wichtig, deutlich eine rote Linie zu ziehen. „Es gibt Parolen, die haben in unserer Mitte nichts zu suchen“, so Amler, die bei Attac sowie im Bündnis „Rosenheim nazifrei“ aktiv ist. Auch Peter Bierl, Initiator der Mittwochsdisko wies daraufhin: „Alle Studien zeigen, dass rassistische und antisemitische Urteile in Deutschland zunehmen“.

Zu Beginn des Seminars sollten die Teilnehmer, darunter viele Flüchtlingshelfer und politisch Engagierte aus der Region, eigene Erfahrungen und Wünsche formulieren. Cecilia Bauer aus Dießen beschreibt das, was viele kennen: „In so einer Situation fehlt es mir oft an geeigneten Argumenten, mein Wunsch wäre, zumindest ein Nachdenken bei meinem Gegenüber auszulösen.“ Die Gründe, warum man am Stammtisch, in der S-Bahn, unter Kollegen oder bei Familienfeiern, manchmal schweigt, sind vielfältig und nachvollziehbar, wie die Teilnehmer zusammentrugen: Angst, Ohnmacht, Verblüffung, Schüchternheit und Mangel an Fachwissen. Oder es ist womöglich der hilfsbereite Nachbar, der nette Arbeitskollege oder der Familienangehörige, mit dem man es sich nicht verderben will. Es helfe, sich bewusst zu machen, in welcher Situation man sich befindet und wer das Gegenüber ist, so Amler. „Ganz wichtig ist die Solidarität mit dem Opfer in der jeweiligen Situation.“ Man müsse sich nicht unbedingt mit jedem anlegen. Von einer Diskussion mit Parteifunktionären der AFD rät Amler eher ab, man solle sich eher auf die Unentschlossenen konzentrieren. Dabei gelte es sich Verbündete zu suchen. Die Trainerin führte auch Beispiele für typische Parolen an, den „Flickenteppich“, eine Aneinanderreihung von Behauptungen: „Die kommen hierher, weil wir ja das Sozialamt der Welt sind. In manchen Vierteln herrscht eh schon die Scharia!“ Oder auch Sprüche wie: „In Deutschland gibt es doch gar keine Demokratie! Die Blockparteien entscheiden doch eh alle gleich. Der kleine Mann hat da nix zu sagen. Die AfD ist die einzige Partei, die das mal ausspricht!“

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Der Tipp von Amler: Zunächst mal drauf hinweisen, dass es sich um einen Mix aus Behauptungen handelt. „Man sollte sich einen Punkt heraussuchen und genau nachfragen“. Wichtig sei, auf Widersprüche hinzuweisen und Position zu beziehen. Ein Teilnehmer berichtete, dass er sein Gegenüber mit Fakten verblüfft habe, wie zum Beispiel mit einer Statistik des Bundeskriminalamts.

Aber auch wenn man keine Zahlen parat hat, kann man kontern, beispielsweise durch die einfache Frage: „Wo genau hast du das gelesen?“, meint Amler. Ein weiterer Trick: die Aussage des Gegenüber in eine Frage zu verpacken. „Habe ich es richtig verstanden, dass … ?“ Auf diese Weise könne man Zeit schinden und sich Strategien überlegen. Teilnehmer schlugen auch vor, an christliche Werte, allgemeine Grundlagen des Zusammenlebens und Menschrechte zu erinnern. Für Menschen, die aus ihrer Unkenntnis heraus rassistische Äußerungen machen, empfahl eine Flüchtlingshelferin, Begegnungen zu schaffen. Oft könnten dann Vorurteile abgebaut werden.

Im Seminar spielten die Teilnehmer zudem zwei Szenarien durch: zwei Rechte pöbeln in einem Bus einen Flüchtling an. Wie reagieren die anderen Insassen? Geübt wurde auch die Situation am Stammtisch. Nach dem Tennismatch lässt sich ein Unternehmer gegenüber seinen Kumpels über die faulen und unpünktlichen Ausländer in seinem Betrieb aus. Ein Stammtisch-Gänger hat die Erfahrung gemacht, dass es helfe, ganz laut und vehement zu widersprechen. „Dann horchen die anderen schon auf und denken nach“. Bisher hat das Bündnis 7000 Stammtischkämpfer ausgebildet. Bis zur Bundestagswahl im September sollen laut Bündnis 3000 weitere hinzukommen.

Im Internet

www.aufstehen-gegen-rassismus.de

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