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Utting

24.09.2019

Utting: Vom Schandfleck zum Schmuckstück

Die Sanierung des ehemaligen Kaufhauses Steinhauser in der Uttinger Bahnhofstraße ist so gut wie abgeschlossen.
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Die Sanierung des ehemaligen Kaufhauses Steinhauser in der Uttinger Bahnhofstraße ist so gut wie abgeschlossen.
Bild: Dagmar Kübler

Das Architekturbüro Sunder-Plassmann verhilft der Uttinger Dorfmitte zu altem Glanz. Im ehemaligen Kaufhaus Steinhauser ziehen nach der Sanierung nun die ersten Mieter ein.

Einst war es ein Schmuckstück, dann galt es lange als Schandfleck der Uttinger Dorfmitte: das Steinhauser-Anwesen. Glücklich zeigten sich die Gemeinderäte, als vor einem Jahr das Architekturbüro Sunder-Plassmann aus Greifenberg das Anwesen kaufte und ihm wieder zum ehemaligen Glanz verhelfen wollte. Nun werden in Kürze die ersten Mieter einziehen.

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Auf knarzenden Treppen geht es bei der Hausführung nach oben. Am Originalgeländer findet sich der Grünton wieder, der Pate stand für die Farbgebung an der Hausfassade. „Früher lebten die Menschen einfacher, in nur einem Zimmer mit Waschbecken und Gemeinschaftstoilette“, erklärt die Architektin Bettina Sunder-Plassmann. Die große Herausforderung bestand darin, sinnvolle Wohneinheiten zu schaffen. Im ersten Stock liegt je eine Wohnung links und rechts vom Treppenhaus, ausgestattet mit Vollholzeichenparkett. „Die alten Dielenböden konnten aus Schallschutzgründen nicht erhalten werden“, so Sunder-Plassmann.

Die Hälfte der Fläche muss gewerblich genutzt werden

Im Westen wird ein Grafikbüro einziehen, die östlich gelegene Wohnung ist eine große Ferienwohnung. Der Grund: 50 Prozent der Wohnfläche muss gewerblich genutzt werden, so die gemeindliche Auflage. Bei dieser wird der Bezug aber noch etwas länger dauern. Ihr Büro mit acht Mitarbeitern werde aber noch heuer das Erdgeschoss beziehen und auch die Räume in Haus Nr. 5, in die ein Möbelladen kommen wird, werden bald fertig sein.

Utting: Vom Schandfleck zum Schmuckstück

Schlimme Überraschungen während der Renovierung habe es nicht gegeben, so Sunder-Plassmann. Auch die Baukosten seien im kalkulierten, bereits hoch angesetzten Rahmen geblieben. „Wir wussten von Anfang an, dass wir das Haus nicht abreißen oder modern überformen, sondern es in seiner Zeit, dem Jugendstil, belassen wollen, ohne es zu verkitschen.“ So wurde außen sofort sichtbar der Turm wieder errichtet und der Sockel mit einem für den Jugendstil typischen Kammputz versehen. Am hinteren Hausteil wurde angebaut. Dort sind heute ein Eingangsbereich und die Bäder untergebracht, modern in Weiß gehalten und mit floralen Zementfliesen ausgestattet.

Hanfplatten dämmen das Haus

Das gesamte Haus wurde mit acht Zentimeter starken Hanfplatten gedämmt und mit Putzträgerplatten aus Holzfasern ausgestattet. Die neuen Holzfenster mit den vier Sprossen sind dreifachverglast und orientieren sich an einem alten Fenster aus den 1930er-Jahren, das sich noch im Flachdachhaus befindet. Auch das älteste Fenster mit Rundbogen aus der Erbauungszeit von 1899 wurde erhalten.

Bei der Renovierung fand man auch Decken- und Wandgemälde, die von einer Restauratorin mit Spachtel und Skalpell freigelegt und aufgefrischt wurden. „Das hat damals kein normaler Dekorationsmaler gemalt“, so Sunder-Plassmann. Sie vermutet, dass sich ein Künstler eingemietet hatte und statt mit Geld eben mit Gemälden bezahlt habe. Vielleicht könnte es sich sogar um Adolf Münzer handeln. Sie ist gespannt, was die Recherchen ergeben.

Die alten Balken sind heute noch zu sehen

Das Dachgeschoss besticht durch seine alten Balken. Eingraviert ist dort auch das Jahr der Erbauung 1899. Die südliche Dachseite ist durchbrochen von drei Dreiecksgauben, es finden sich eine Empore und der einzige Raum mit Seeblick. Zwei gebogene Stahlträger wurden aus statischen Gründen eingezogen und geben dem Raum einen modernen Charakter. Auch in Haus Nr. 5, einem Anbau aus den 1950er-Jahren, ist eine große Wohnung entstanden.

Hinter den Schaufenstern, in denen einst die Waren des Steinhauser-Kaufhauses auslagen, und im Flachdachbau aus den 1930er-Jahren wird künftig das Architekturbüro beheimatet sein, das auch Geschäftsstelle des Wessobrunner Kreises und Raum für Vorträge sein wird. Die Schaufenster wurden bewusst erhalten, Ein- und Ausblicke sind gewünscht. „Wir wollen mit der Sanierung auch ein Signal an andere Bauherren senden: Reißt nicht ab, baut um.“

Das Anwesen hat eine lange Geschichte

Bettina Sunder-Plassmann weiß noch eine abenteuerliche Geschichte zu erzählen: Im Jahr 1899 kaufte ein Herr Summer aus Inning einem Bauern die heutige „Summerwiese“ ab. Der Notarvertrag, so die Forderung, musste noch in derselben Woche unterzeichnet werden. So geschah es, und am nachfolgenden Sonntag wurde in der Kirche verkündet, dass die Eisenbahn in Utting halten werde. Besagter Summer erreichte, dass der Bahnhof hinter seinem Gelände, auf dem er ein Gasthaus errichtete, gebaut wurde.

Die Straße zum Bahnhof verlief damals durch Felder, und der Bürgermeister griff zu ungewöhnlichen Mitteln, um eine Bebauung dort anzustoßen. Er lieh sich Geld vom örtlichen Metzger und baute das „Steinhauser-Haus“, um eine Landmarke zu setzen. Da er das Geld nicht zurückzahlen konnte, gab er dem Metzger das Gebäude. Von diesem kaufte es Remigius Steinhauser und machte ein Kaufhaus daraus.

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