Newsticker

Wegen Corona: CDU-Spitze verschiebt Parteitag zur Vorsitzendenwahl ins nächste Jahr
  1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Vom Hurra-Deutschland bis zum Zerfall

Zeitgeschichte

15.05.2015

Vom Hurra-Deutschland bis zum Zerfall

Zusammen mit Archäologen arbeiteten Schülerinnen und Schüler der Mittelschule Landsberg im Rahmen des Projekts „Unbequeme Denkmale“.
2 Bilder
Zusammen mit Archäologen arbeiteten Schülerinnen und Schüler der Mittelschule Landsberg im Rahmen des Projekts „Unbequeme Denkmale“.
Bild: Christian Karlstetter

Archäologie im KZ-Außenlager VII. Landsberger Mittelschüler beteiligen sich am Projekt „Unbequeme Denkmale“

Für die Mittelschule Landsberg war es eigentlich der „Kick-off“, also der Startschuss für die Teilnahme am Projekt „Denkmal aktiv“. Für viele Schüler aber war es ein erster unmittelbarer Kontakt mit der eigenen Geschichte. Sie durften an den archäologischen Grabungen im ehemaligen KZ-Außenlager VII an der Erpftinger Straße teilnehmen. Und sie wurden auch fündig – in jeder Hinsicht.

Auch für Schulleiter Christian Karlstetter war das ein Geschichtserlebnis, wie es „intensiver eigentlich gar nicht sein kann“. Die Teilnahme am Projekt „Denkmal aktiv“ ist zwar nichts Neues für ihn, doch mit dem Thema Nationalsozialismus sei man so direkt noch nie befasst gewesen. Da kam es ihm gelegen, dass die Thematik einerseits im Lehrplan der achten Klasse ohnehin vorgesehen sei und das Jahresthema bei Denkmal aktiv „Unbequeme Denkmale“ laute. Karlstetter hat dabei eine Kooperation mit drei Schulen in Deutschland beantragt, als da sind die Gymnasien Sonthofen („Ordensburg“) und Dresden-Bülau (Stasi-Gefängis) wie auch die Waldorfschule in Freiberg ( Thüringen).

Vier achte Klassen und eine Neunte, die er selbst unterrichtet, durften nun einige Wochen lang die archäologischen Arbeiten am ehemaligen KZ-Außenlager VII begleiten. Manfred Deiler, Projektleiter der momentan dort stattfindenden Sanierungsarbeiten, unter anderem an den Tonröhrenunterkünften, ist von der Motivation der jungen Helfer absolut angetan: „Auf diese Weise können wir den Schülern die eigene Geschichte, auch deren dunkle Seite, noch näher bringen.“

Und auch die Archäologen unter der Leitung von Torsten Dressler freuen sich über so viel engagiertes „wissenschaftliches Hilfspersonal“ und profitieren auch von deren Unterstützung. Manfred Deiler: „So hat zum Beispiel der Sohn von Drittem Bürgermeister Axel Flörke einen Suppenkessel ausgegraben, der inzwischen in der Obhut des Freistaates ist.“ Ferner wurden die Fundamente von Erdhütten freigelegt, in denen zwischen 1944 und 1945 vor allem die männlichen Häftlinge untergebracht waren. Schicht für Schicht, in Tiefen von jeweils fünf Zentimetern, wurde dabei abgetragen, eingemessen und eingetragen. Dabei wurden die verkohlten Holzbalken und Latten der Hütten gefunden, eine Bestätigung von alten Zeitungsberichten, die berichteten, dass diese Hütten in Lager VII vor der Befreiung durch die Amerikaner abgebrannt wurden.

Neben dem Suppenkessel gruben die Schüler inzwischen jede Menge Teilstücke des Lagerstacheldrahtes aus, Bruchstücke von Tonröhren und Essbesteck.

Christian Karlstetter fand es geradezu anrührend, wie zum Beispiel der Stacheldraht unmittelbare und nachdenkliche Reaktionen bei den Schülern auslöste: „Der Stacheldraht ist mit seinen messerscharfen Schneiden sehr eng gefast. Ganz anders als handelsüblichen Weidezäune heutzutage.“

Mit der Archäologie endete der erste praktische Teil des Projekts, parallel wurde das Erarbeitete im Schulunterricht dokumentiert. Christian Karlstetter will mit seinen Schülern auch noch nach Dachau in das dortige Hauptlager fahren, und er selbst zeigt ihnen anschließend noch eine Dokumentation über das Lager Auschwitz, die er nach einigen Besuchen dort zusammengestellt hat. Im Laufe des Jahres werden die Schüler noch in städtischen Einrichtungen recherchieren, wie im Archiv, in der Bücherei, und auch ein Gespräch mit Stadtheimatpfleger Dr. Werner Fees-Buchecker führen.

Aus der Unterrichtsgruppe hatte sich schnell ein harter Kern von 15 bis 20 Schülern herauskristallisiert, der nachmittags während der Freizeit freiwillig weiterarbeitete. Christian Karlstetter sieht dies gern, für ihn ist die Stadt Landsberg ohnehin für die Geschichtsarbeit ein Glücksfall. „Nirgendwo sonst bekommen sie die gesamte Bandbreite vom Hurra-Deutschland bis zum Zerfall des Dritten Reiches so hautnah mit.“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren