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Landsberg

21.04.2015

Vom Verführen und Betrügen

Virtuelle Companie Dießen im Stadttheater. Bettina Balk, Yasmin Afrouz und Klaus Wächter.
Bild: Thorsten Jordan

Molières Tartuffe mit der Gruppe „Virtuelle Kompanie“

Ein Heuchler, ein Intrigant, ein Scheinheiliger. Oder doch ein attraktiver Charmeur, dem man sich kokett hingeben kann? Katalin Fischers „Virtuelle Kompanie“ spielt im Stadttheater Moliéres Komödie Tartuffe. Eine unterhaltsame, leichte Komödie mit beinahe dramatischem Ausgang. Bei Fischer wird es zu einem Spiel der Interpretationen und der Bedeutsamkeit von Worten.

Die Geschichte ist bekannt und schnell erzählt. Am Hof des wohlhabenden, naiven Orgon hat sich Tartuffe eingeschlichen, ein Meister der frommen Scheinheiligkeit. Orgon und seine bigotte Mutter Madame Pernell verehren ihn, Orgon möchte gar seine Tochter Mariane, die er einem anderen versprach, mit Tartuffe verheiraten

. Die kraftlose Mariane überlässt es ihrer Zofe Dorine gegen die geplante Heirat vorzugehen. Tartuffe begehrt Orgons Frau Elmire, was dieser nicht wahrhaben möchte. Im Gegenteil, Orgon überschreibt Tartuffe sein gesamtes Hab und Gut. Erst als Elmire ihren Mann unter dem Tisch versteckt und Tartuffe herausfordert, versteht Orgon dessen Hinterhältigkeit. Zu spät. Tartuffe lässt Orgon enteignen und einsperren. Ein Happy End gibt bei Katalin Fischer nur für die Liebenden. Im Original wird Tartuffe als stadtbekannter Betrüger verhaftet und die ursprüngliche Ordnung wieder hergestellt.

In Fischers Interpretation des Tartuffe geht es weniger um Religion und Politik als vielmehr um Psychologie und Familiendynamik. Immer wieder greift Fischer aus der ersten Reihe heraus in der Rolle als Regisseurin in das Stück ein. „Halt, stop!“ und „Entschuldigung, dass ich noch mal unterbreche“, ruft sie und schreitet ein. Erklärt kurz die Personen in ihren Doppelrollen. Kürzt Szenen, für die nicht genug Personal da war oder die irrelevant für ihre Version seien. Besonders gelungen sind die Szenen, die sie noch mal spielen lässt, mit exakt gleichem Text, schauspielerisch jedoch vollkommen anders interpretiert.

„Wie wäre es, wenn wir mal annehmen würden, nur so als Spielerei“, sagt Fischer, wenn also Tartuffe ziemlich gut aussehend wäre, ein Charmeur, denn irgendwie muss er ja überzeugend gewesen sein. Wenn Elmire das Werben ein klein wenig genießen würde, vielleicht erotisch sogar einen Schritt zu weit gehen würde? Und Gabi Fischer alias Elmire, eben noch die berechnende, pragmatische Ehefrau brilliert als leidenschaftliche Verführerin. Wie anders, wie doppeldeutig jetzt dieselben Worte wirken!

Überhaupt überzeugen alle Schauspieler in ihren jeweiligen Rollen. Yasmin Afrouz ist die Idealbesetzung für die handfeste, mit gesundem Menschenverstand gesegnete Zofe Dorin. Leichtfüßig und agil wirbelt sie über die Bühne. Ein loses Mundwerk und das Herz auf dem rechten Fleck dazu. Vor allem Afrouz‘ ausdrucksvolles Minenspiel beeindruckt.

Bettina Balk gibt im Wechsel eine zögerliche, blassgrün gekleidete Tochter sowie die dominante Mutter Pernelle.

Der verführbare, in seinen Moralvorstellungen gefangene Orgon ist Klaus Wächter, der bei Bedarf schnell in die Rolle des Verlobten Valère schlüpft. Tartuffe endlich wird mal zurückhaltend frömmelnd, mal fordernd von Fabian Weiß gespielt.

Katalin Fischer und die Virtuelle Kompanie

Das Theater war schon früh eine Leidenschaft der gebürtigen Ungarin Katalin Fischer: „Ich habe schon mitvier Jahren Regie geführt und meinen Bruder herumkommandiert.“ Die zierliche, dunkelhaarige Frau schmunzelt. Sie ist in München aufgewachsen, hat dort Psychologie und Kunstgeschichte studiert. In Israel hat sie danach Schauspiel und Regie gelernt, Akrobatik und Pantomime. Dort hatte sie ihre erst eigene Theatergruppe.

Sie hätte sich nie entscheiden können zwischen Theater und Journalismus, erzählt Katalin Fischer im Gespräch mit dem LT, deshalb mache sie einfach beides. Als freie Kultur-Journalistin arbeiten sowie als Regisseurin, Autorin und Schauspielerin kreativ gestalten. Sei es jährlich beim Kaltenberger Straßentheater, als Mitglied der Stelzertruppe „Lechwehrtheater“ oder mit der „virtuellen Kompanie“. Die hieß früher mal „Wagenschmierentheater“, dann „Faust&Feen Theater“ und seit 2010 eben „virtuelle Kompanie“.

Jahrelang hätten die Schauspieler ständig gewechselt, sagt Fischer, sie sei die einzige Konstante gewesen, so kam es zu dem Namen. Doch seit der Premiere ihres Tartuffe vor fünf Jahren arbeitet sie mit einem festen Schauspielerkern zusammen, „einer tollen, hochmotivierten Truppe“, alle aus der Ammersee-Lech-Gegend. Drei weitere Aufführungen des Tartuffe finden in der Pasinger Fabrik am 20., 29. und 30. Mai statt.

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