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Landsberg

28.11.2017

Von Himmelstürmern und Denkinseln

Sie hatten fast schon ein Heimspiel im Bibliothekssaal des Agrarbildungszentrums: (von links) Katja Lämmermann (Geige), Dorothea Galler (Bratsche), Hans-Peter Besig (Violoncello).
Bild: Julian Leitenstorfer

Acht Mitglieder des Gärtnerplatztheaters sorgen im Bibliothekssaal des Agrarbildungszentrums für ein großartiges Programm. Sie interpretieren Mendelssohn Bartholdy feinsinnig.

Die Hauptperson des Abends war gar nicht da. Und trotzdem war sie in der ungemein differenzierten und lebendigen Interpretation ihrer Musik so präsent, als lüde sie das Publikum mit jeder erklingenden Note selbst dazu ein, mit ihr die Welt zu umarmen und auch gleich noch den Himmel zu erstürmen. „Wolkenflug“ lautete zur beginnenden neunten Saison deshalb der Titel des ersten Konzerts in der Reihe Kammermusik im Bibliothekssaal des Agrarbildungszentrums Landsberg, in dessen Mittelpunkt ein Jugendwerk des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy stand.

Die Musiker agieren mit Feinsinn

Gerade einmal 16 Jahre alt war Mendelssohn, als er sein berühmtes Opus 20, das Oktett Es-Dur für vier Violinen, zwei Violen und zwei Violoncelli schuf, und damit seinen Lehrer Carl Friedrich Zelter tief beeindruckte. Beeindruckt zeigte sich bald 200 Jahre später auch das Landsberger Publikum: vom Genie des jungen Komponisten, in dessen Frühwerk schon alles angelegt ist, was der späte Mendelssohn einmal entfalten sollte, aber ebenso vom stupenden Spiel und Feinsinn der acht Musiker, mit dem sie jeder Wendung und noch so kleinen Regung der Komposition nachspürten – ihrer Unrast, Launen- und auch Schalkhaftigkeit, aber ebenso der hinter allem Temperament immer wieder aufscheinenden Schwermut.

Schon längst habe das Werk „hierher gehört“, sagte Veranstalter Franz Lichtenstern vor ausverkauftem Haus, doch sei es bei laufendem Spielbetrieb nicht einfach gewesen, die dafür nötigen acht Musiker außerhalb ihrer Verpflichtungen am Münchner Gärtnerplatztheater gemeinsam auf eine Bühne zu bekommen. Während sich Katja Lämmermann, Geige, Dorothea Galler, Bratsche und natürlich der Cellist selbst im Bibliothekssaal fast schon zu Hause fühlen dürften, kamen die drei Violinisten Otto Jussel, Katarzyna Woznica und Alina Florescu sowie der Bratscher Cornelius Mayer und Hans-Peter Besig mit seinem Cello zum ersten Mal ins „kammermusikalische Wohnzimmer“ Landsbergs – im Gepäck noch zwei weitere, sehr unterschiedliche Kompositionen.

Manches wird erst in den Proben klar

Als zweiten Programmpunkt Grayna Bacewicz’ kleines, von leichter Hand entlang schwebender und flirrender Klänge notiertes Quartett für vier Violinen, ungewöhnlich in seiner Besetzung, kapp und prägnant in den „Formulierungen“ und wohl kaum zufällig klanglich in gelegentlicher Nähe zu manchen Stücken Béla Bartoks.

Eröffnet wurde das Konzert von Katja Lämmermann, Dorothea Galler und Hans-Peter Bresig mit Max Regers Streichtrio in a-Moll, einem Stück mit einem Notentext „blind wie ein Spiegel“, wie es einer der Musiker ausdrückte, der erst in akribischer Probenarbeit allmählich an Klarheit gewinne. Unschwer zu erahnen, dass dabei die präzise Setzung der Pausen eine besondere, nämlich Struktur gebende Rolle gespielt haben dürfte. Einfache, fast schon banale Themen werden in diesem komplexen, gewollt uneinheitlichen Werk wie sich Verirrende aus vertrauten Zusammenhängen heraus ein ums andere Mal in völlig unvorhersehbare, überraschende Wendungen geführt. Doch gibt es keine Auflösung, sondern stattdessen immer wieder abrupte Abbrüche, Neuanfänge: Die Generalpausen gestalteten die drei Musiker überzeugend als „Denkinseln“, Orte möglicher Selbstvergewisserung im 1905 längst aller Gewissheiten beraubten Fin de Siècle.

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