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Landsberg

01.04.2017

Von der Wut über das verlorene Leben

Das Theater Poetenpack im Stadttheater Landsberg: Onkel Wanja (Teo Vadersen) und Jelena (Simone Kabst).
Bild: Thorsten Jordan

Das Theater Poetenpack bringt die Atmosphäre des zaristischen Russland nach Landsberg - mit Tschechows Stück „Onkel Wanja“.

 „Eine Krise kann jeder Idiot ertragen. Aber den Alltag?“ Das soll Anton Tschechow gesagt haben, der einen Großteil seiner Lebenszeit im Zarenrussland auf dem Lande verbracht hat. Das Theater Poetenpack aus Potsdam brachte die Atmosphäre der russischen Landgüter um 1900 und ihrer Gesellschaft auf die Bühne des Landsberger Stadttheaters mit Tschechows Stück „Onkel Wanja“.

Das Leben auf dem abgelegenen russischen Landgut ist einfach, einsam und öde. Die Landwirtschaft ist harte Arbeit, die kaum noch lohnt, Ablenkung und Unterhaltung würde nur das Stadtleben im fernen Moskau bieten, doch das ist teuer. So verschlägt es den emeritierten Professor Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow (Wolfram Grüsser) und seine zweite, junge und hübsche Frau Jelena (Simone Kabst) auf das Landgut, das ihnen bislang das Leben finanziert hat – dank der Arbeit von Onkel Wanja (Teo Vadersen) und Sonja, der Tochter des Professors aus erster Ehe (Rike Joeinig).

Die kleine Gesellschaft aus Onkel Wanja, Sonja, dem Landarzt Astrow (André Kudella), dem Hausfreund und Helfer Ilja Iljitsch (Johannes Richard Voelkel), der alten Marina und Wanjas Mutter (beide Johanna Lesch) wird durch den Aufenthalt des Professors und vor allem der jungen, schönen Jelena völlig auf den Kopf gestellt. Längst verdrängte und fast vergessene Leidenschaften brechen auf, Wanja und Astrow verlieben sich gleichzeitig in die schöne Jelena, die unscheinbare Sonja offenbart ihre vergebliche Liebe zu Astrow, Jelena ihre Resignation an der Rolle der Frau im Russland des 19. Jahrhunderts – als zweckfreier Zierrat und hübsches Beiwerk.

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Der Professor führt sich als Tyrann auf, alles muss nach seiner Pfeife tanzen, und dennoch muss auch er resignieren, weil ihm das Geld für das Leben in der Stadt fehlt. Seine Idee, das Gut zu verkaufen und stattdessen von Finanzspekulationen zu leben, führt zum totalen Zerwürfnis der Gemeinschaft, es brechen alte Konflikte und Frustrationen auf.

Zuletzt reisen Professor und Ehefrau ab, zurück bleibt die Aussicht auf einen monotonen Alltag, selbst die letzte Hoffnung auf ein glückliches Leben oder gar erfüllte Liebe ist verloschen. Alle Figuren sind Gefangene, erstarrt in ihrer Zeit, ihrer Gesellschaft, ihren Lebensumständen. Der Theaterkritiker Benjamin Henrichs bezeichnete das Stück einmal sehr treffend als „Komödie von der Wut über das verlorene Leben“.

Diese Wut, die Verbitterung und Resignation, die Hoffnungslosigkeit, all das vermittelt das Theater Poetenpack sehr überzeugend. Ein kurzes, heißes Aufflackern der letzten Hoffnung, die dann gnadenlos erstirbt. Die Besetzung der Rollen wirkt stimmig, Teo Vadersen als Wanja verkörpert genau den Typ ländlicher Gutsverwalter, etwas grobschlächtig, doch auch empfindsam und verletzlich und voll unterdrückter Leidenschaften.

Die verhärmte alte Jungfer Sonja stellt Rike Joeinig ebenso überzeugend dar wie Wolfram Grüsser den altersgrimmigen Professor und Simone Kabst die gelangweilte und in ihrer Ehe gefangene Jelena. André Kudella schafft es, in der Rolle des Landarztes einen ökologischen Schwärmer darzustellen, der die Zusammenhänge von Wald und Klima, Landschaftsschutz und Artensterben versteht und vergeblich vor der Zerstörung der Natur „durch die Trägheit der Menschen“, durch ihr Nichtstun, warnt.

Bei allem Pessimismus und aller Resignation gibt es doch in der Inszenierung von Andreas Hueck auch einige Momente des Schmunzelns, wie etwa in der Besäufnis-Szene von Wanja, Astrow und Ilja Iljitsch, in der sie übermütig einen waschechten Südstaaten-Blues grölen. Auch als Jelena und Sonja sich betrinken, wird es etwas lustiger. Am Ende bleiben jedoch nur geplatzte Träume, das Leben ein Durchhalten, ein Ausharren, wie Sonja an Wanja gerichtet sagt. „Wir werden leben. Wir werden ausruhen.“

Eine beeindruckende Inszenierung des Potsdamer Theaters Poetenpack, die berührt und nachdenklich macht.

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