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Landsberg

19.11.2020

Vor 75 Jahren: Erste Kriegsverbrecher in Landsberg hingerichtet

Im Landsberger Gefängnis wurden in der Nachkriegszeit Hinrichtungen von den US-Streitkräften vollzogen. Bis ins Jahr 1951 wurden Todesurteile an deutschen Kriegsverbrechern vollstreckt.
Bild: National Archives Washington/Chronik JVA

Plus Als sich die Falltür des Galgens im Minutentakt öffnete: Vor 75 Jahren fanden die ersten Hinrichtungen der Nachkriegszeit im Landsberger Gefängnis statt. Bis 1951 hängten die Alliierten dort Kriegsverbrecher.

Beim Blick in die Geschichtsbücher werden Erinnerungen an dunkle Zeiten wach. Heute ist es auf den Tag genau 75 Jahre her, dass in Landsberg nach Ende des Zweiten Weltkriegs die ersten Kriegsverbrecher hingerichtet wurden. Am 19. November 1945 öffnete sich auf dem Gelände der heutigen Justizvollzugsanstalt erstmals die Falltür des Galgens. 259 Mal sollten Delinquenten bis 1951 durch den Strang sterben. Aber nicht nur Angehörige von Wehrmacht, SS und KZ-Mannschaften wurden in Landsberg in der damaligen US-Besatzungszone hingerichtet.

Kaum ein Gefängnis ist in Deutschland und darüber hinaus so bekannt wie das Landsberger. Dort saß Adolf Hitler nach seinem Putschversuch 1923/1924 in Festungshaft ein und schrieb Teile seines Buchs „Mein Kampf“. In der Zeit des Dritten Reichs waren zumeist politische Gegner dort inhaftiert. Hunderte Insassen ließen in den Kriegsjahren dort ihr Leben – aufgrund der schlechten Bedingungen oder weil sie hingerichtet oder auf der Flucht erschossen wurden. Das geht unter anderem aus dem im Jahr 2008 erschienenen Buch „100 Jahre Justizvollzugsanstalt Landsberg am Lech“ hervor.

Die Landsberger Anstalt hat eine bewegte Geschichte

Der langjährige Anstaltspädagoge Klaus Weichert hat die Geschichte der Einrichtung in seinem 224-seitigen Werk eindrucksvoll aufgearbeitet. Bei seiner Recherche wälzte er nicht nur Archive, sondern sprach auch mit Zeitzeugen. „Um authentische Informationen von Betroffenen aus erster Hand zu erhalten, war für mich besonders wichtig das Auffinden von Personen, die als Kriegsverbrecher inhaftiert waren“, schreibt Weichert in seinem Vorwort. Bedauerlicherweise hätten die Amerikaner jedoch alle Unterlagen aus den Jahren 1947 bis 1958 ins Nationalarchiv nach Washington gebracht.

Im Landsberger Gefängnis wurden in der Nachkriegszeit Hinrichtungen von den US-Streitkräften vollzogen. Bis ins Jahr 1951 wurden Todesurteile an deutschen Kriegsverbrechern vollstreckt.
Bild: National Archives Washington/Chronik JVA

Warum dieser Zeitraum? Die United States Army übernahm das Gefängnis Landsberg bereits Ende April 1945, beließ es jedoch unter deutscher Verwaltung. Ab Ende 1946 richtete es dort ganz offiziell das „War Criminals Prison No. 1“ (WCP) ein. Dort saßen zwischenzeitlich nicht nur etliche Nazi-Größen ein, sondern auch die Verurteilten aus den Nürnberger Unterprozessen sowie den Dachauer Prozessen. Bis zu 1600 als Kriegsverbrecher Verurteilte kamen nach Landsberg. 259 von ihnen wurden zum Tod durch den Strang verurteilt und hingerichtet.

Früher tötete der Henker im Auftrag der Nazis, dann für die Amerikaner

Vollstreckt wurde ein Teil der Urteile von dem Mann, der zuvor in der Weimarer Republik und im Dritten Reich fast 3000 Menschen hingerichtet hatte – Johann Reichhart. Einer der Chefhenker der Nazis hatte – wie im Reich üblich – die Todesurteile mit der Guillotine vollstreckt. Unter anderem richtete er die Widerstandskämpfer der Weißen Rose, darunter Hans und Sophie Scholl, hin und Tausende andere Menschen im halben Reichsgebiet. Das Enthaupten war bei den Amerikanern nicht üblich. Stattdessen wurden Delinquenten mit dem Strang gerichtet, der seit Jahrhunderten als am schändlichsten geltenden Hinrichtungsart.

Nachdem die Amerikaner von Reichharts Fähigkeiten, der in den 40er-Jahren bereits vereinzelt Exekutionen mit dem Strang nach britischer Anleitung per sogenanntem long drop – dabei bricht beim Verurteilten das Genick – durchgeführt hatte, nach Kriegsende von seinen Fähigkeiten erfuhren, griffen sie auf seine Dienste zurück. Und Reichhart legte Strick um Strick um die Hälse von früheren Soldaten, SS-Leuten und Personen, die in Konzentrationslagern gearbeitet oder abgestürzte alliierte Piloten getötet hatten.

Reichhart richtete auch die Geschwister Scholl hin

Der aus der Oberpfalz stammende und in München lebende Henker nahm in Landsberg nach historisch überlieferten Angaben 156 der insgesamt 259 Hinrichtungen an den beiden Galgen vor. Nun tötete er die Angehörigen des Regimes, in dessen Auftrag er zuvor so viele Menschen exekutiert hatte.

Johann Reichhart im Jahr 1947 auf der Anklagebank in München. Der Henker richtete rund 3000 Menschen hin.
Bild: dpa (Archiv)

Doch plötzlich überkamen den Henker Gewissensbisse. Ihm war zu Ohren gekommen, dass er aufgrund einer Verwechslung zwei Unschuldige hingerichtet hatte. „Lieber ins Loch, als noch einmal einen Unschuldigen ermorden“, soll er zu einem Landsberger Gefängnisaufseher gesagt haben, wie Autor Johann Dachs in seinem Buch „Tod, durch das Fallbeil“ schreibt. Nachfolger Reichharts wurde der US-Sergeant John Woods, der auch die Hauptkriegsverbrecher von Nürnberg hinrichtete. Allerdings gab es bei Woods’ Hinrichtungen laut Augenzeugenberichten immer wieder Pannen, was zum Teil zu langen Todeskämpfen bei den Delinquenten führte.

Im Jahr 1951 wurden die letzten sieben Männer in Landsberg hingerichtet

Doch nicht nur an den beiden im Innenhof des Landsberger Gefängnisses errichteten Galgen starben Verurteilte. 29 Häftlinge – zumeist Polen –, die beispielsweise wegen Mordes im Nachkriegsdeutschland verurteilt wurden, wurden erschossen. Das geht aus der Gefängnis-Chronik hervor. Die Landsberger erfuhren von den Hinrichtungen immer dadurch, dass die Amerikaner rund um das Gefängnis die Zufahrten mit ihren Jeeps blockierten und die Totenglocke der kleinen Ulrichskapelle am Spöttinger Friedhof läutete. 1949 wurde die Todesstrafe in der neu gegründeten Bundesrepublik per Grundgesetz abgeschafft, aber in der Nacht auf den 7. Juni 1951 fanden in Landsberg die letzten Hinrichtungen auf westdeutschem Boden statt.

Heute erinnert in der JVA Landsberg nichts mehr an damals

Im ehemaligen Schlossereigebäude wurden auf dem Dachboden sieben als Kriegsverbrecher verurteilte Männer gehängt. Im Vorfeld hatte es nicht nur in Landsberg eine Großdemonstration mit Tausenden Menschen auf dem Hauptplatz gegeben, sondern auch Bitten der Kirchen und zahlreicher Politiker, die Urteile in Haftstrafen umzuwandeln.

Heute ist in der JVA Landsberg laut Direktorin Monika Groß nichts mehr ersichtlich aus der damaligen Zeit oder erinnert daran. „Das spielt heute auch überhaupt keine Rolle mehr.“ Auch die Hitler-Zelle existiert seit vielen Jahrzehnten nicht mehr.

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