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Landsberg

18.09.2019

Warum das Landsberger Stadtarchiv in Quarantäne muss

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Das Landsberger Stadtarchiv zieht um. Es befindet sich jetzt auf dem Gelände der ehemaligen Lechrainkaserne. Im Umgang mit den Dokumenten zum Teil Jahrhunderte alten Dokumenten ist Vorsicht angesagt. Das Stadtkammerbuch von 1740 ist ein Härtefall.
Bild: Thorsten Jordan

Plus Viele Akten aus dem Landsberger Stadtarchiv werden in die ehemalige Lechrainkaserne umgezogen. Die alten Dokumente wandern auch in die Tiefkühlung.

„Normalerweise bringt diese Kiste weltweit Lebensmittel, hier bringt sie die Vergangenheit in die Zukunft“: So heißt es – aus dem Englischen übersetzt – auf dem langen Container, der vor einer ehemaligen Mannschaftsunterkunft der früheren Lechrainkaserne steht. An die Bundeswehr erinnert hier nicht mehr viel: Das Gebäude ist zum Depot für das Stadtmuseum umgebaut worden – und ins Erdgeschoss zieht in diesen Wochen ein Teil des Landsberger Stadtarchivs.

Der Umzug ist zugleich Gelegenheit, mal wieder alle Archivalien, die aus dem Lechstadel vor die Tore der Stadt gebracht werden, genauer anzuschauen. Deswegen ist das auch eine etwas langwierigere und teure Sache. Zwei Monate lang dauert die Umlagerung von etwa zwei Drittel der Archivalien, erklärt Stadtarchivarin Elke Müller, und kosten wird das rund 160.000 Euro.

Insekten werden bei -30 Grad abgetötet

Der besagte lange Container wird etwa nicht als Transportkiste genutzt. „Er dient zur prophylaktischen Schädlingsbekämpfung“, erklärt Maruchi Yoshida von der Münchner Firma Kurecon. Die aus dem Lechstadel gebrachten Archivstücke werden dort für drei Tage bei minus 30 Grad gelagert, damit kein eventuell vorhandenes schädliches Insekt den Umzug überlebt. Und da gibt es einige, die sich durchs Archivgut fressen: Papierfischchen, Museums- und Brotkäfer sind die Schreckgespenster der Archivare.

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Nach der Frostbehandlung gelangen die alten Akten dann in eine „Quarantänestation“. Dort arbeitet Matthias Allgeier. Er trägt Mundschutz und einen weißen Overall, wenn er die Aktenbände begutachtet: Sind sie beschädigt und müssen sie restauriert werden? Sind sie von Schimmel befallen? Oder müssen sie nur abgestaubt werden? Gerade gehen die Bände mit den Stadtkammerrechnungen aus den 1720er-Jahren durch seine behandschuhten Hände. In einem weiteren Raum wird sie Laura Fingerle übernehmen. Mit einer Staubsaugerbürste fährt sie über jede Seite der alten Bände.

Die älteste Urkunde stammt aus dem Jahr 1306

Außer Staub findet sich dabei auch gelegentlich etwas anderes: In einem Band des Augsburger Generalanzeigers aus dem Jahr 1871 fand sie beispielsweise gepresste Blumen.

An der Tür des Nachbarraums steht „Ratsproktokolle“. Diese Niederschriften des Stadtrats sind seit dem Jahr 1622 überliefert, berichtet Stadtarchivarin Elke Müller. Schauen wir doch mal in einen Karton hinein: Was ist das älteste Thema, das aus dem Landsberger Stadtrat protokolliert ist? Am 17. Januar 1622 ging es um eine Auseinandersetzung um ein 100-Gulden-Darlehen unter Verwandten, über die der Landsberger Rat zu entscheiden hatte. Politik, Verwaltung und Justiz waren damals noch nicht getrennt. Die städtische Selbstverwaltung fungierte auch als Gericht. Während damals die Ratsprotokolle mehrere Jahre gebunden nur wenige Zentimeter Dicke erreichten, sieht es heutzutage anders aus: Da erreicht ein Jahrgang von Sitzungsprotokollen des Stadtrats schon fast einen Meter Dicke. „Früher hat man nur das Notwendigste aufgeschrieben“, erklärt Müller. Der Rohstoff war teuer und deshalb sind Einbände der Protokollbücher auch aus gebrauchtem Pergament gefertigt worden.

Es gibt aber noch viel ältere Archivstücke: „Die Schriftlichkeit in Landsberg beginnt im 13. Jahrhundert“, sagt Müller. Die älteste Urkunde wurde am 2. Februar 1306 ausgestellt: Die Brüder Cunrat und Bertolt Walhopter verkauften ihren Hof in Waalhaupten an das Spital in Kaufbeuren. Der Hof wurde später vom Heilig-Geist-Spital Landsberg erworben, daher kam die Urkunde in Landsberger Besitz.

Das ständige Anwachsen der städtischen Akten war auch einer der beiden Gründe, warum ein Großteil des Bestands auf das ehemalige Kasernengelände verlagert wird, erklärt Müller weiter. Seit Jahren gebe es im Stadtarchiv deshalb bereits ein Platzproblem. Und jetzt sei auch noch der Klimawandel dazugekommen: Weil man die Akten im Lechstadel auf hochwassersicherer Höhe lagern wolle, fehlten jetzt weitere Kapazitäten.

Immer mehr Dokumenten werden digitalisiert

Ein großer Teilbestand des Archivs mit über 23.000 Einheiten sind die Amtsbücher der Stadt, der von ihr beaufsichtigten Stiftungen (Kirchen, Heilig-Geist-Spital), aber auch städtischer Einrichtungen wie der Tor- und Pflasterzoll und die Armenbeschäftigungsanstalt.

Für Familienforscher interessant sind die Standesamtsakten. Familienforscher machen einen Großteil der Archivbesucher aus: Viele wollen über die kirchlichen Überlieferungen hinaus aus den städtischen Akten mehr über die Lebensumstände ihrer Ahnen erfahren, erzählt Müller.

Vor allem mit Blick auf die Nutzer werden die Bestände Stück für Stück digitalisiert. Viele Besucher bekommen gar keine Archivstücke mehr in die Hand, sondern können sich am Computer ein auf dem städtischen Server gespeichertes „Digitalisat“ anschauen. Und in Zukunft könnte der Gang ins Stadtarchiv immer häufiger überflüssig werden, sagt Müller: „Die Daten ins Netz zu stellen, ist in Planung.“

Einen Aufbewahrungsplatz benötigt das Gedächtnis der Stadt jedoch auch weiterhin. Zielsetzung sei, in einigen Jahren alle Archivalien wieder in einem noch zu errichtenden Gebäude zusammenzuführen.

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