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Landsberg

04.04.2018

Wenn Babys zu viel schreien

Das Baby schreit und schreit – diese Situation kennen viele Mütter. Bei der Schreiambulanz können sie Hilfe finden.

Wie verzweifelten Eltern in der Landsberger Schreiambulanz geholfen werden kann. Keine Zauberei, aber ein Anker in der Not.

Noch im Krankenhaus, nur wenige Tage nach der Entbindung, dachte sie, warum schreit mein Baby nur so viel, während das der Zimmernachbarin friedlich schlummert? Das war im Oktober 2016. Die nächsten Monate sollten furchtbar werden. Alles haben sie versucht, tragen, Fläschen, Ablenkung, was man halt so macht in seiner Verzweiflung, wenn das Baby schreit und man nicht weiß, wieso. Wenn der Kinderarzt sagt, es sei alles in Ordnung, körperlich. Doch das Baby schreit herzzerreißend. Kein Quengeln, kein Jammern, nein, gleich auf 180. So fasst Katharina Thannheimer die ersten Monate mit ihrer Tochter Lisa zusammen.

Schlaflose Nächte und Angstschweiß bei Autofahrten

Heute läuft die kleine Lisa im rosa Strickjäckchen und mit großen, staunenden Augen durch das Zimmer von Maria Mayer, Kinder- und Jugendtherapeutin, Diplompädagogin und eine von zwei Mitarbeiterinnen der Schreiambulanz in der interdisziplinären Frühförderstelle des Familienzentrums Landsberg. Über ein Jahr lang waren Mutter und Tochter hier zur Beratung. „Ich bin wirklich super dankbar, dass ich hierherkommen konnte“, sagt Thannheimer, „niemand kann zaubern, aber diese Gespräche waren für mich wie ein Rettungsanker“.

Klar weint jedes Baby mal. Hat jede junge Mutter schlaflose Nächte. Klar gibt es schwierige Phasen. Aber diese abgrundtiefe Verzweiflung, weil nichts hilft, weil das kleine Wesen, das man sich so sehr gewünscht hat, sich die Seele aus dem Leib brüllt. Jede Veränderung führte zu einer Stunde Schreien, sagt die Mutter. Jede Autofahrt bedeutete Angstschweiß. Es gab Tage, da ist Katharina Thannheimer tagsüber weder zum duschen und kaum zum Essen gekommen. An Einkaufen war nicht zu denken, alles musste der Mann erledigen, die junge Mutter verließ kaum noch das Haus.

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Normaler Alltag ist nicht möglich

Ein dreiviertel Jahr lang ist bei den Thannheimers „kein normaler Alltag“ eingekehrt, eigentlich war ständig „Ausnahmesituation“. Zuerst hatten sie „ein dickes Fell“, erzählt die 37-jährige Konditormeisterin, dann habe sie gegoogelt, war sich unsicher, ob sie tatsächlich ein „Schreibaby“ habe, hat sich nicht zur Beratung getraut. Auch von der Schreiambulanz in Landsberg habe sie nichts gewusst. Als die Nerven vollends blank lagen, hat sie dann doch den Weg in die Schreiambulanz gefunden.

Die ersten zwei Treffen wurden durch das konstante Schreien von Lisa boykottiert, bis die Therapeutin Maria Mayer beschloss, in der vertrauten Umgebung zuhause weiter zu arbeiten. Behutsam und in kleinen Schritten bauten sie Vertrauen auf, versuchten Struktur in den Schlafrhythmus des Kindes zu bekommen und herauszufinden, was die Kleine brauchte. Denn natürlich ist jedes Schreibaby anders, aber die meisten sind überreizt, haben „Regulationsprobleme“, nehmen die äußeren Impulse ungefiltert auf und können sich nicht selbst beruhigen.

Babys sind überstreckt und verspannt

Vom vielen Schreien ist ihr Muskeltonus oft viel zu hoch, sie sind überstreckt und verspannt. Lisa erhielt unterstützend Krankengymnastik im Frühförderzentrum. Aber auch die Unterstützung und Entlastung der Mütter ist Maria Mayer sehr wichtig: „Sie aus der Hilflosigkeit, aus den Versagensängsten herauszuholen und ihnen zu vermitteln, du bist nicht schuld.“ Viele Eltern gelinge es schon noch wenigen Beratungen, eine signifikante Änderung zu erzielen, in anderen Fällen gibt es auf Antrag bis zu einem Jahr interdisziplinäre Unterstützung. Zwischen 30 und 40 Babys werden jährlich im Frühförderzentrum in Landsberg angemeldet, neben „Schreibabys“ sind auch viele Kinder mit Schlafschwierigkeiten dabei.

Nach einem dreiviertel Jahr hat Katharina Thannheimer ihr Mädchen das erste Mal ganz entspannt und glücklich anschauen können und ihr Dasein einfach genießen können. Heute ist Lisa 16 Monate alt, die Eltern wünschen sich ein zweites Kind, das Leben als Kleinfamilie funktioniert. Eines ist Katharina Thannheimer wichtig: Dass so viele Eltern wie möglich wissen, „da muss man halt durch, ist der falsche Weg.“ Es gibt kompetente Hilfe in der Landsberger Schreiambulanz.

Die Interdisziplinäre Frühförderstelle im Familien- und Beratungszentrum des SOS-Kinderdorf Ammersee-Lech, Spöttinger Straße 4, Landsberg, ist unter Telefon 08191/911890 zu erreichen.

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