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Landkreis Landsberg

07.09.2019

Wenn Glücksspiel zur Sucht wird: Ein Betroffener aus dem Landkreis Landsberg erzählt

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Viele Menschen in Deutschland sind spielsüchtig. Die Caritas in Landsberg hilft Betroffenen.
Bild: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Ein 49-Jähriger aus dem Landkreis hat 230.000 Euro an Automaten verzockt. Dem LT erzählt er, wie es so weit kommen konnte.

Ein sportlicher Endvierziger sitzt in einem Raum der Suchtberatung der Caritas in Landsberg. Seinen Namen will der im Landkreis wohnende Mann nicht in der Zeitung lesen. Aber er erzählt seine Geschichte, die Geschichte eines Glücksspielsüchtigen.

In Landsberg gibt es seit 2016 bei der Caritas eine Gesprächsgruppe pathologischer Glücksspieler. Und die Gruppenmitglieder wollen ihre Krankheit stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken, wie Sozialarbeiterin und Suchttherapeutin Isabelle Nieberle sagt. „Sie wissen um die Brisanz ihrer Suchterkrankung, aber auch um die Scham, die viele pathologische Glücksspieler daran hindert, zu uns Kontakt aufzunehmen.“ Und darum erzählt der 49-Jährige von seiner Krankheit.

"Ich war immer schon ein Spieler"

Eigentlich sei in seinem Leben „alles wunderbar“ gewesen, sagt er, „es schien alles zu klappen“: Er ist glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und ist als Sportler erfolgreich, im Fußball viel unterwegs. Was ihn vor nicht ganz zehn Jahren zu einem Süchtigen werden ließ, kann er nicht an einem einzelnen Ereignis festmachen, es ist mehr eine Beschreibung seiner Person in Verbindung mit Ereignissen, wodurch er die Entwicklung zu schildern versucht: „Ich war immer schon Spieler“, sagt er; aber vor der Glücksspielsucht im sportlichen Sinn, der Wettkampf gehört zu seinem Leben, das sich messen mit anderen. Erfolg und Anerkennung, aber auch Geld haben, sind wichtig. „Ich hatte immer Geld.“ Der Bruder ist jedoch finanziell erfolgreicher, gründete eine Firma und verkaufte sie einige Jahre später für ein „horrendes Geld“. „Ich war neidisch“ , erzählt der 49-Jährige.

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2010 gibt es mehrere Veränderungen in seinem Leben. Er hört als Spieler und Trainer auf. Ein einschneidendes Erlebnis ist der Tod des Vaters. Er selbst findet den Toten in der Wohnung und bekommt „diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf“. Er sucht einen Ausgleich, will sich ablenken. Und geht in die Spielhalle. Anfangs hat er Erfolg. Er spielt an zwei oder drei Automaten, irgendwann sind es sechs bis zehn. Der höchste Gewinn ist 12.000 Euro, „doch letztendlich verliert man trotzdem“. Es dauert nur ein paar Monate, bis er zwei bis drei Mal die Woche in die Spielhalle geht.

Das Geld kann er nicht zurückzahlen

„In den letzten Jahren war ich dann täglich dort.“ Das Geld holt er sich von Freunden und Bekannten, nutzt seinen Status als beliebter Sportler aus, um Geld zu borgen – Geld, das er nicht zurückzahlen kann. „Es wurde immer mehr und immer höhere Beträge“, schildert er die Dynamik. Nachts liegt er wach, die Gedanken kreisen immer darum, wie sich Geld besorgen lässt. „Ich habe keine Nacht schlafen können, das kann man sich nicht vorstellen.“ Keiner in seiner Umgebung bekommt etwas mit – ein Doppelleben, für das es Energie und Kreativität aufzubringen gilt.

Misstrauisch wird der Chef seiner Frau, den er anpumpen will. „Er hat meine Frau darauf angesprochen, die Sache ist aufgeflogen.“ Er spricht vom Tag X. Für die Familie bricht eine Welt zusammen, aber seine Frau hält zu ihm, auch der Bruder wird ins Boot geholt. „Ich hatte 230.000 Euro Schulden bei 23 Gläubigern.“ Privatinsolvenz will er nicht anmelden, sondern die Schulden zurückzahlen. „Ich muss dafür 20 Jahre arbeiten.“ Bis auf einen hat er sich mit allen Gläubigern geeinigt. Mit 85 Prozent ist er wieder in Kontakt, sie haben seine Spielsucht als Krankheit anerkannt. Doch es sind nicht nur die finanziellen Folgen, die schmerzen, es ist auch die Zeit mit der Familie, die er verloren hat. „Es fehlen mehrere Jahre.“ Dass seine Frau ihm vertraue, sei das größte Geschenk.

Jetzt kommt er regelmäßig zur Therapie

Was ist das beherrschende Gefühl in der Spielhalle? Der 49-Jährige spricht von Zufriedenheit, sobald er Automaten mit Geld gefüttert habe: „Es ist ein Flow.“ Alles drumherum sei vergessen. Für Therapeutin Isabella Nieberle eine Vermeidungsstrategie. Nachdem alles bekannt wurde, ließ er sich stationär einweisen und kommt jetzt regelmäßig in die ambulante Therapie zu Isabella Nieberle, auch in die Gruppe.

In Deutschland ist Glücksspielsucht als Erkrankung klassifiziert, aber als „abnorme Gewohnheit und Störung der Impulskontrolle“ eingeordnet. Nieberle wünscht sich, dass sie wie in den USA als Sucht eingestuft wird. Alle Suchtkriterien würden erfüllt, wie beispielsweise Verlangen, Entzugserscheinung, Kontrollverlust, Vernachlässigung anderer Interessen, Konsum trotz finanziellen Schadens und Toleranzentwicklung, das heißt, dass es immer mehr des Suchtmittels bedarf.

Für den 49-Jährigen ist der Tag X die Rettung. „Ich bin froh, dass ich wieder schlafen kann und frei bin im Kopf. Mein größter Wunsch ist es, abstinent zu bleiben, bisher hatte ich noch kein Bedürfnis zu spielen.“

Die Suchtberatung der Caritas ist erreichbar unter Telefon 08191/942916 oder suchtberatung@caritas-landsberg.de

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