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Landkreis Landsberg

18.04.2020

Wenn Restauratoren im Schichtdienst arbeiten

Auch Restauratoren wie Bert Praxenthaler, Eva Höfle (Foto) und Theresia Gräfin Waldburg-Wolfegg-Waldsee arbeiten während der Corona-Krise unter besonderen Umständen.
Bild: Höfle

Plus Mit Mundschutz auf der Hebebühne, in winzigen Kirchen und auf Schloss Neuschwanstein: Gerade in diesen Zeiten ist es für Restauratoren aus dem Landkreis nicht einfach.

Restauratoren gehören zu einer eher wenig bekannten Berufsgruppe. Auch auf Vertreter dieser Branche in unserer Region hat die Corona-Krise Auswirkungen. Wir haben uns mit einigen unterhalten, wie sie jetzt ihrer Arbeit nachgehen.

Bert Praxenthaler aus Epfenhausen hat viele Talente. Er ist Bildhauer, Kunsthistoriker und Spezialist für Skulptur in der Denkmalpflege und Restaurierung. Am Telefon spricht der Kunstpreisträger des Landkreises Landsberg aus dem Jahr 2017 über seine Arbeit in Zeiten von Corona: „Ich bin gerade in der Kirche St. Laurentius in Ebering in der Gemeinde Steinkirchen tätig. Da muss ich viele Arbeiten vor Ort durchführen. Aber mit mir arbeiten auch Restauratoren für Fassungen von Skulpturen oder Gemälderestauratoren. Das Kirchlein ist nicht groß. Wir haben Schichtbetrieb, damit wir uns nicht anstecken können und jeweils nur einer sich dort befindet.“ Es bedürfe eines guten Timings, weil die verschiedenen Gewerke teilweise voneinander abhängig seien.

Auch Restauratoren wie Bert Praxenthaler (Foto), Eva Höfle und Theresia Gräfin Waldburg-Wolfegg-Waldsee arbeiten während der Corona-Krise unter besonderen Umständen.
Bild: Praxenthaler

Drei Mal pro Woche ist der 64-Jährige auf dem Weg in die etwa 120 Kilometer entfernte Gemeinde. Sie liegt in der Nähe von Moosburg an der Isar. Jeden Tag hin und her fahren möchte der Epfenhauser nicht. Daher übernachtet er manchmal in Ebering. „Das ist nicht einfach. Ich habe zwar ein Hotelbett gefunden, aber es gibt kein Frühstück und kein Abendessen. Das muss ich organisieren. Ich bin dann der einzige Übernachtungsgast. Das ist schon eine skurrile Situation.“ Allerdings kann er auch Stücke zur Bearbeitung in seine Werkstatt mit nach Hause nehmen. Aber nicht viele. Bald wird Praxenthaler, der auch an den Restaurierungsarbeiten der von Taliban im Jahr 2001 zerstörten Buddha-Figuren im afghanischen Bamyan beteiligt ist, einen Auftrag in Schlehdorf beginnen.

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In großen Kirchen kann man sich aus dem Weg gehen

In der barocken Klosterkirche ist die Ansteckungsgefahr kaum gegeben, meint er: „Das ist ein richtiges Schlachtschiff, da kann man sich gut aus dem Weg gehen.“ Von der Größe ähnle es dem Dießener Münster, in dem er mehrere Jahre mit einem Kollegen Restaurierungsarbeiten durchgeführt hat – zuletzt 2018 an der Apostelgruppe um den Hauptaltar. In der Evangelischen Akademie in Tutzing fängt er demnächst an. „Da hat die Pandemie ihre Vorteile. Der Veranstaltungsbetrieb ruht, und somit sind wir ganz ungestört.“

Ohne Beeinträchtigungen durch Publikum kann auch die Dießener Wandrestauratorin Eva Höfle arbeiten. Sie hat gegenüber Praxenthaler und der Textilrestauratorin Theresia Waldburg aus Epfach allerdings den Nachteil, dass sie ihre Tätigkeit nur vor Ort und Stelle ausüben kann. Wände kann man schlecht in eine Werkstatt mitnehmen. „Wenn ich nicht vor Ort bin, um Deckengemälde auf Risse oder lose Teile, die auf die Kirchenbesucher herabfallen könnten, zu untersuchen, mache ich Homeoffice, verfertige Dokumentationen oder Berichte“, verrät die 42-Jährige.

Corona hat den Terminkalender durcheinandergewirbelt

Häufig arbeitet Höfle in Kirchen oder Schlössern mit einer Hebebühne an Wand und Decke. „Der Korb ist klein, mit Mindestabstand geht da nichts. Meistens fahre ich dann allein nach oben oder ein Kollege ist dabei. Natürlich mit Mundschutz.“ Für Eva Höfle ist das Homeoffice nicht einfach. Sie hat zwei Mädchen, eins geht in die 3. Klasse der Carl-Orff-Schule, das andere ins Ammersee-Gymnasium. Die wollen auch beschäftigt und beaufsichtigt sein. Für Restaurierungsarbeiten im Thronsaal von Schloss Neuschwanstein hat sie ein Angebot abgegeben. „Ich weiß aber noch nicht, ob das klappt.“

Bei den aktuellen Restaurierungsarbeiten in Schloss Neuschwanstein ist Theresia Gräfin Waldburg-Wolfegg-Waldsee Fachbauleiterin für Textilien und Leder. Das heißt, sie erstellt für das Schloss von Ludwig II. Leistungsverzeichnisse. Sie hat, wie auch Praxenthaler und Höfle, immer mehrere Projekte. Sie hätte eigentlich jetzt anfangen müssen, die Textilien des Dommuseums Freising, das seit Jahren geschlossen ist und das noch jahrelang bleiben wird, in ein anderes Depot umzusiedeln. „Das kann ich vergessen. Der Auftrag sollte Ende März beginnen, ist jetzt verschoben. Ebenso wie die Einrichtung des neu zu eröffnenden Museums der Sudetendeutschen in München.“

Eine Ausstellung ohne Besucher

In der Landeshauptstadt hat die für die Inneneinrichtung zuständige Firma bereits vor Wochen die Arbeiten beendet, erklärt die Gräfin. Sie hätte in München Textilien in die dafür vorgesehenen Vitrinen aus deren Depot platzieren müssen. Das sind unter anderem Trachten, Trachtenteile und Vereinsfahnen aus dem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Corona bringt die Termine der 62-Jährigen aus Epfach momentan durcheinander: „Wenn die Arbeit mit den Museen im Sommer weitergeht, dann muss ich die für diese Zeit geplanten Restaurierungsarbeiten verschieben. Das ist schlecht.“ Sie ist nicht die Einzige, die unter den Folgen der Corona-Krise leidet. „Aber das ist natürlich nur ein schwacher Trost“, meint sie, und Bert Praxenthaler kann als Vorsitzender des Galerievereins eine Kunstausstellung mit Arbeiten von Martin Paulus und Willi Weiner demnächst in der Landsberger Zederpassage eröffnen. Allerdings wahrscheinlich ohne Publikum.

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